Diary Of The Dead

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Diary Of The Dead
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Daten zum Film
Regisseur George A. Romero
Land USA
Erscheinungsjahr 2007
Genre Horror
Autor der Rezension Hanns


Einleitung

George A. Romero, Kultregisseur und Erfinder des Konzepts „Zombie“, wie es inzwischen fester Bestandteil der Popkultur geworden ist, legt mit diesem Film sein fünftes Einzelwerk in einer vier Jahrzehnte umspannenden Untoten-Reihe vor.

Inhalt

Die Geschichte ist, wie es sich für ein Setting gehört, in dem eine Gruppe Menschen ums Überleben kämpft, relativ gradlinig und sehr handlungsorientiert – allerdings viel doppelbödiger, als es oberflächlich betrachtet den Anschein hat. Der Film beginnt am Schauplatz einer Familientragödie, als sich ein Nachrichtenteam anschickt zu filmen, wie drei Leichen aus einem Haus transportiert werden. Doch dann bewegen sich die Toten plötzlich auf ihren Bahren, erheben sich und fallen die perplexen Umstehenden an. Die zerfleischte Reporterin stirbt in den Armen ihres Kollegen, bevor die Aufnahme abreißt. Doch diese Bilder finden ihren Weg ins Internet…

Dann lernen wir die Protagonisten des Films kennen: Eine Gruppe von Filmstudenten, die nachts in einer Waldgegend einen altmodischen Mumien-Horrorfilm dreht. Der junge Regisseur, Jason Creed, ist die meiste Zeit über nicht zu sehen. Er filmt unablässig mit seiner Handkamera, und so erlebt der Zuschauer die Handlung aus dessen Perspektive. Dabei ist es dem Filmgenuss durchaus zuträglich, dass Romero darauf verzichtet, eine ständig verwackelte Kameraführung à la „Blair Witch Project“ oder „Cloverfield“ zu verwenden. Der Exot in der Gruppe ist Andrew Maxwell, ein Professor im Ruhestand, seines Zeichens leidenschaftlicher Zyniker und Alkoholiker (er hat vermutlich das Drehbuch des Films geschrieben oder fungiert als Geldgeber). Als sich im Radio die Meldungen von Toten, die wieder aufstehen und die Lebenden attackieren, häufen, beginnt zunächst eine hitzige Diskussion darüber, ob dies nur eine Ente sei. Vor allem der skeptische Tony vertritt ein prinzipielles Misstrauen den Medien gegenüber. Schließlich bricht man den Dreh ab. Während sich der reiche Ridley mit der blonden Franny in sein Landhaus verzieht, begleitet der Rest der Gruppe Jason zum Wohnheim, um seine Freundin Deb abzuholen.

Im Wohnmobil ihrer Kommilitonin Mary machen sich die Studenten auf zum Haus von Debs Eltern. Unterwegs erklärt Jason, dass er mit seiner Kamera die derzeitigen Geschehnisse dokumentieren will. Das Fernsehen verbreitet unterdessen bereits fleißig Desinformation und versucht, die Krise als Serie von Terroranschlägen erscheinen zu lassen. Als die Gruppe unterwegs von Zombies angegriffen wird, ist Fahrerin Mary gezwungen, einige von ihnen zu überfahren. Da sie noch immer nicht glauben kann, dass dies wandelnde Tote sind, stürzt die christliche Studentin in eine Gewissenskrise und begeht einen Selbstmordversuch. Schwer verletzt bringen die anderen sie in ein Krankenhaus, das jedoch völlig verlassen zu sein scheint. Bis die ersten blutverschmierten Toten auf sie zuwanken… Von nun an müssen die jungen Leute töten, um zu überleben. Es gelingt ihnen mühelos, was sie verstört und verwundert zurücklässt. Und nach dem vierten oder fünften Zombie kann selbst Tony nicht mehr umhin, der Realität ins Auge zu blicken.

Nach Mary verlieren sie noch ein weiteres Gruppenmitglied, Gordo, bevor sie das Krankenhaus verlassen können. Zurück im Wohnmobil beginnt Jason damit, sein Filmmaterial ins Internet hoch zu laden. Als die Studenten die Nachrichten im Netz sehen, wird ihnen endlich bewusst, welche Ausmaße die Geschehnisse angenommen haben. Chaos breitet sich aus, Plünderungen sind überall an der Tagesordnung, die Gewalt unter den Lebenden eskaliert. Und die Zahl der Toten (und somit Untoten) steigt rapide. Die Zivilisation ist im Begriff zusammenzubrechen. Die Studenten beginnen, pragmatisch zu denken. Beim Versuch, sich Benzin zu verschaffen, werden sie von einer schwarzen Gang aufgegriffen. Diese hat sich eine Art Festung in einem alten Lagerhaus geschaffen, mit großen Vorräten an Nahrung, Waffen und Treibstoff.

Während sie sich im Unterschlupf der Gang aufhalten, sehen sie im Fernsehen, dass das Filmmaterial aus der Anfangsszene des Films umgeschnitten wurde, um die wahren Vorkommnisse zu verschleiern. Jason und ein weiterer Student, Eliot, nutzen die Gelegenheit, um Jasons Filmmaterial zu editieren. Dies führt zum Konflikt mit Deb, die ihrem Freund vorwirft, mit seinem Film Berühmtheit erlangen zu wollen, während sie sich in einer lebensgefährlichen Situation befinden. Jason fühlt sich jedoch verpflichtet, die Wahrheit zu dokumentieren, und hofft, mit seinem Film zum Überleben anderer Menschen beizutragen. Bevor sie wieder aufbrechen, beweist Deb großes Selbstbewusstsein, als es ihr gelingt, vom Anführer der Gang Vorräte und Waffen für ihre Gruppe zu erzwingen.

Schließlich erreicht man das Haus von Debs Eltern, doch für die Familie gibt es keine Rettung mehr. Also beschließen die Studenten, sich in Ridleys Anwesen zu verschanzen. Auf dem Weg dorthin begegnen sie Soldaten der Nationalgarde. Doch die Hoffnung auf Rettung wird ad absurdum geführt, als die Soldaten sie bis auf ihre Waffen ausplündern und dann wieder ihres Weges ziehen.

Zu guter Letzt erreichen sie den sicheren Hafen des Anwesens von Ridleys Familie. Dieser ist erstaunlich gut aufgelegt und spielt den perfekten Gastgeber, bis Deb insistiert, Franny zu treffen. Nun erzählt Ridley, der offenbar den Verstand verloren hat, dass alle tot sind – seine Familie, die Angestellten, Franny. Die (inzwischen wieder erwachten) Leichen hat er in den Swimmingpool geworfen, aus dem sie sich bemühen zu entkommen. Ridley stirbt an einem Biss, den ihm ein Untoter zugefügt hat, und verfolgt als Zombie – noch immer im Mumienkostüm, das er zum Filmdreh getragen hat – seine ehemaligen Freunde. Sie können ihm entkommen, doch Tracy, wütend darüber, dass Jason ihr nicht gegen den Untoten geholfen hat, setzt sich mit dem Wohnmobil ab. Eliot fällt inzwischen Zombie-Ridley zum Opfer.

Der klägliche Rest der Gruppe will sich nun in den Panic Room des Hauses zurückziehen. Doch Jason besteht darauf, draußen zu bleiben und weiter zu dokumentieren. Nachdem ihn Ridley schwer verwundet hat, bittet Jason seine Freundin Deb, ihn zu filmen, während er stirbt. Deb entschließt sich darauf hin, Jasons Film zu Ende zu bringen. Während das Anwesen von Zombies überrannt wird, ziehen sich die letzten Überlebenden in den Panikraum zurück.

Der Film endet mit einem der Kommentare von Deb, die übrigens den ganzen Film durchzogen haben. Sie stellt Jasons Anliegen, mit seinem Film der Wahrheit Genüge zu tun, und Menschenleben zu retten, dem letzten Video gegenüber, das Jason vor seinem Tod aus dem Internet herunter geladen hatte. Es zeigt ein paar Hillbillies, die sich an die Katastrophe angepasst haben, indem sie Zombies für Schießübungen benutzen. Auf besonders grausame Weise tun sie dies mit einem weiblichen Zombie. An ihren Haaren festgebunden baumelt die Frau am Ast eines Baumes, als einer der Männer ihr mit einem großkalibrigen Gewehr den unteren Teil des Kopfes wegschießt. Der abgetrennte Körper fällt zu Boden, während sich die Augen in dem halben Kopf weiter hin und her bewegen. Deb schließt mit den Worten: „Sind wir es wirklich wert, gerettet zu werden? Sag du es mir!“

Kritik

Mit dieser drastischen Schlussszene knüpft Romero an das durchgängige Thema seines Zombie-Zyklus an: Die Grausamkeit des Menschen, welche die auf reinem Instinkt basierende Gewalt der wandelnden Toten bei weitem übersteigt. Die geistlosen Zombies töten, wie Tiere, letztlich nur, um sich zu ernähren. Die Menschen jedoch begehen ihre Grausamkeiten mit Absicht, z. T. sogar aus Spaß, und obwohl sie in der Lage sind, diese zu reflektieren.

Was ist nun aber neu an „Diary Of The Dead“? Zu dieser Frage möchte ich einen kurzen Abriss der ersten vier Filme voranstellen. Allen Werken der „Of The Dead“-Reihe liegt ein Subtext intensiver Gesellschaftskritik zugrunde. Wie oben bereits angedeutet, untersucht Romero in seinen Filmen die Natur der menschlichen Grausamkeit. Sein Erstling, „Night Of The Living Dead“ (1968), ist eine Metapher für eine Gesellschaft, die sich selbst zerfleischt. Der Film berührt die Themen Rassismus und Emanzipation, wird aber vor allem als Kommentar zum Vietnam-Krieg gesehen. Die Kritik an der menschlichen Natur, an Egoismus, Unterdrückung und Machtgier zieht sich durch alle Filme.

Auf der inhaltlichen Ebene zeigt der Regisseur über den Verlauf der ersten vier Filme die Entwicklung einer Katastrophe, die zum Zusammenbruch der Zivilisation führt, sowie eine Art „Evolution der Untoten“. Während die Menschen in „Night“ zum ersten Mal mit dem Phänomen konfrontiert werden, und der Schock und die Ungläubigkeit im Vordergrund stehen, ist die Katastrophe in „Dawn Of The Dead“ (1978) bereits weiter vorangeschritten. Die Strukturen brechen zusammen, man ist auf sich selbst gestellt und muss versuchen, das eigene Überleben zu sichern. Es ist klar, dass keine Rettung von Seiten der Regierung kommen wird, wie am Ende des ersten Films. In „Day Of The Dead“ (1985) gibt es bereits keine Regierungen, keine Strukturen mehr. Die letzten Überlebenden fristen ihr Dasein in entlegenen und gut gesicherten Enklaven, während sie immer mehr beginnen, in die Barbarei abzugleiten. Es herrscht das Recht des Stärkeren. Gleichzeitig zeigt sich eine Weiterentwicklung der Zombies – ein Wissenschaftler findet heraus, dass die Untoten rudimentäre Erinnerungen an ihr früheres Leben zurückbehalten haben, und experimentiert mit Methoden, Verhaltensänderungen bei den Zombies herbeizuführen. In „Land Of The Dead“ (2005) ist es den Überlebenden inzwischen gelungen, eine neue „Zivilisation“ in Form einer festungsähnlich gesicherten Stadt aufzubauen – die allerdings von Dekadenz und Korruptheit geprägt ist. Die Entwicklung der Untoten schreitet ebenfalls weiter fort. Es wird erkennbar, dass sie zu einer Art von Kommunikation imstande sind, was sie sogar in die Lage versetzt, in begrenztem Maße planvoll und koordiniert zu agieren.

Mit „Diary Of The Dead“ setzt Romero diese Entwicklung überraschenderweise nicht mehr weiter fort, sondern kehrt zum Tag 0 zurück – zum Beginn der Katastrophe, zur ersten Konfrontation unvorbereiteter Menschen mit einem unfassbaren Phänomen. Und darin steckt Methode. Denn 39 Jahre nach seinem ersten Film erzählt er die Geschichte absolut zeitgemäß – so, wie sie Menschen erleben würden, die im Informationszeitalter aufgewachsen sind.

Dies wird zum einen dadurch verdeutlicht, dass Technologie eine große Rolle spielt. Die jungen Akteure handhaben Digitalkamera und Internet ganz selbstverständlich. Und so ist „Diary“ ein Film im Film. Was wir sehen, sind die editierten, kommentierten und zum Teil mit Musik versehenen Filmaufnahmen der Studenten, ihre Dokumentation über die Katastrophe – mit dem Titel „The Death Of Death“. Am Anfang stehen Unglaube und Skepsis – vielleicht noch stärker als 1968, denn der Maxime „es muss stimmen, denn es wurde im Fernsehen gezeigt“ steht bei vielen Figuren des Films ein tiefes Misstrauen gegenüber den Medien entgegen. Zu viele Medienskandale und falsche Berichterstattungen hat die Generation der in den 80er Jahren Geborenen schon erlebt, um Informationen aus zweiter Hand einfach so für bare Münze zu halten. Als die Charaktere zum ersten Mal auf einen Zombie treffen, einen völlig verbrannten Polizisten, der brüllend ihr Auto attackiert, ruft einer der Studenten: „Er will bestimmt nur die Fahrzeugpapiere sehen!“

Um dies zu unterstreichen werden wir im Verlauf des Films immer wieder Zeuge, wie die Mainstream-Medien versuchen, die unbequeme Wahrheit durch mehr oder weniger subtile Manipulation umzudeuten und zu verschleiern. Dem stehen die Protagonisten entgegen, die mithilfe des Internets versuchen, ihre Sicht der Realität kundzutun. Je mehr die offiziellen Strukturen unter dem Ansturm der Untoten und der bürgerkriegsähnlichen Zustände zerbrechen, umso mehr Raum erhalten die Hacker, Blogger und Internetbenutzer, sich Gehör zu verschaffen. Doch dies hat auch eine Schattenseite: Je mehr Sichtweisen es gibt, desto schwerer wird es, die Wahrheit zu erkennen. Von dem für unsere moderne Gesellschaft typischem Informationsoverkill bleibt nur noch Rauschen übrig.

Wie groß das Misstrauen auch sein mag, das die Kinder der Informationsgeneration den Medien entgegenbringen, sie können sich der Tatsache nicht entziehen, dass ihr Leben von diesen bestimmt wird. So findet die erste, zweite, dritte Konfrontation mit der Katastrophe nicht direkt statt, sondern über Radio, Internet und Fernsehen. Das Schreckliche ist zunächst weit weg, weil es sich „da draußen“ abspielt – Leben aus zweiter Hand. Doch früher oder später muss diese Distanz wegbrechen, und die direkte Konfrontation führt zu Schock und Verstörtheit. Nicht nur wegen der Unfassbarkeit des Phänomens, sondern weil die Protagonisten erkennen müssen, wozu sie imstande sind. In der Krankenhausszene sagt einer der Studenten fassungslos: „Ich habe während der letzten halben Stunde drei Männer und eine Frau erschossen.“, worauf der verbitterte Professor erwidert: „Und es ging ganz leicht, oder?“

Doch die Abgestumpftheit ist nicht nur einer Situation geschuldet, in der es heißt „töte oder werde getötet“. Etwas durch die Distanz einer Linse zu betrachten, macht immun gegen den Schrecken und die Grausamkeit – nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Berichterstatter. Die Charaktere stellen fest, dass sie der Horror um sch herum betroffen machen sollte, was er aber nicht (mehr) tut. Deb fasst es zusammen in der simplen Aussage: „Just another day. Just another death.“ Dies ist auch die Aussage des Titels von Jasons Dokumentation „The Death Of Death“ – der Tod selbst ist nicht mehr, denn er hat seinen Schrecken verloren.

In diesem Zusammenhang stellt Romero die Frage nach der Ethik der Mediengesellschaft. Haben wir die Pflicht, alles zu zeigen und zu dokumentieren, so schrecklich es auch sein mag, oder ist das letztendlich nur eine Ausrede für Voyeurismus und Sensationsgeilheit? Damit ist nicht gemeint, die Augen vor den schlimmen Dingen des Lebens zu verschließen. Man bedenke, dass Romero in einem Land lebt, in dem die Liveberichterstattung von Schauplätzen brutaler Verbrechen an der Tagesordnung ist, und parallel dazu im weltweiten Vergleich die meisten Menschen durch Schussverletzungen sterben. In einem Land, in dem das Splatter-Subgenre Torture Porn floriert. Aber wie bereits gesagt, Romero stellt die Frage. Er wedelt nicht mit dem erhobenen Zeigefinger. Es ist schwer zu beantworten, ob die Faszination des Schrecklichen nicht vielleicht normaler Bestandteil der menschlichen Seele ist, oder ob sie durch bestimmte Umstände kultiviert wird. Die Band „Tool“ drückt es in ihrem Song „Vicarious“ folgendermaßen aus: „I need to watch things die, from a good safe distance“. Und schließt mit: „Vicariously I live while the whole world dies. Much better you than I.” Vielleicht ist es unsere Herausforderung, diesen Instinkt zu transzendieren, und den darin enthaltenen Egoismus durch Mitgefühl zu ersetzen.

Zu guter Letzt beleuchtet „Diary Of The Dead“ noch einen weiteren, sehr interessanten, wenn auch eher abstrakten Aspekt. Verändern die Medien, je mehr Raum sie in unserem Leben einnehmen, unsere Realität? Verdeutlicht wird dies am Beispiel des Regisseurs des Films-im-Film, Jason Creed. In den wenigen Szenen, in denen er tatsächlich zu sehen ist, offenbart er eine immense Unsicherheit. Diese tritt jedoch nicht zutage, solange er sich hinter seiner Kamera verstecken kann. Seine Freundin Deb demonstriert dieses Prinzip in der Krankenhausszene, als sie ihrerseits Jason filmt und somit die Machtverhältnisse umkehrt. Aber der Film geht noch einen Schritt weiter. Als Deb und Jason später ein Streitgespräch führen, fragt ihn Deb, ob seine Kamera eingeschaltet ist. „Wenn wir dieses Gespräch führen, bin ich sicher, dass du es auf Video haben willst. Wenn es nicht gefilmt wurde, ist es so, als ob es niemals passiert wäre, stimmt’s?“ Ist die Allgegenwart der Medien bereits so stark, dass wir auf Video gebannte Bilder als realer empfinden als die Wirklichkeit? Werden wir der Realität durch die Brechung durch die Kameralinse entfremdet? Die Antwort überlasse ich dem geneigten Leser und schließe mit einem Zitat aus dem Song „America The Video“ von „Chroma Key“: „And it makes no sense to me, unless I see it on tv.“

Fazit

Mit „Diary Of The Dead“ hält George A. Romero den hohen qualitativen Standard seiner Vorgängerfilme. An der Oberfläche ein handfester, spannender Horrorfilm mit durchdachter Handlung und gut ausgearbeiteten Charakteren. Vor allem die Figur des zynischen Professors ist interessant, weil sie den anderen Protagonisten immer wieder neue Denkanstöße gibt. Dabei verliert sich der Charakter niemals ins Klischeehafte und bleibt trotz seiner Bitterkeit sympathisch. Doch auch jede andere Figur hat ihre Momente, in denen sie sich von der Beliebigkeit abhebt. Zum Beispiel Tony, der als Skeptiker und Schwarzseher zunächst einfach immer nur „dagegen ist“. Er erhält eine interessante Dimension, als Deb im Haus ihrer Eltern beginnt, in Panik zu geraten, weil offenbar wird, dass ihre Familie vermutlich tot ist. In dieser Situation beruhigt Tony sie, indem er eine Technik der neurolinguistischen Programmierung benutzt, um ihre Angst durch eine angenehme Kindheitserinnerung zu ersetzen. Auch sind alle (durch die Bank unbekannte) Schauspieler völlig überzeugend in ihrer Darstellung.

Auch visuell bleibt nichts zu wünschen übrig, von der Kameraführung bis zur Schnitttechnik. Romero erzählt die Geschichte in schönen, klaren Bildern und bedient sich mitunter auch interessanter Techniken. So erscheint die Szene, in der wir die Charaktere beim Dreh ihres Horrorfilms kennen lernen, einem klassischen Gruselfilm entsprungen, als ein Mädchen in einem wallenden weißen Kleid vor einer Mumie durch den Wald flüchtet. Auf diese Szene kommt Romero am Ende des Films in ironischer Weise zurück. Sie wiederholt sich – der Wald, das Mädchen, die Mumie. Nur das Ridley, der Mumiendarsteller, inzwischen ein Zombie ist, und die Gefahr echt. Ein weiterer Kniff gelingt dem Regisseur, als die Gruppe das Anwesen von Ridleys Familie betritt. Man sieht die Charaktere aus der Perspektive der vielen Überwachungskameras – in schwarz-weiß, mit flackernden Bewegungen. Zusammen mit der klassischen Klaviermusik, die das Haus beschallt, erweckt dies den Eindruck eines alten Stummfilms, wodurch ein schöner Kontrapunkt zum Thema des Films gesetzt wird.

Der einzige Wermutstropfen für die zart Besaiteten dürften die zwar sparsam eingesetzten, jedoch zum Teil recht heftigen Splattereffekte sein. So wird man unter anderem über die Wirkungen aufgeklärt, die ein Defibrilator, hochprozentige Säure oder ein gezielt ausgeführter Schlag mit einem mittelalterlichen Schwert auf Zombieköpfe haben. Wem dies nichts ausmacht, den erwartet ein höchst intelligenter, spannender und handwerklich großartig umgesetzter Filmgenuss.


In diesem Sinne,

„They’re coming to get you, Barbara!"


Euer Movie-Hanns