Inside

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Inside
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Daten zum Film
Regisseur Alexandre Bustillo / Julien Maury
Land Frankreich
Erscheinungsjahr 2007
Genre Horror / Thriller
Autor der Rezension Hanns


Einleitung

Ein Autounfall – aus der Sicht eines Kindes im Mutterleib. Zwei zerstörte Wagen auf einer Straßenkreuzung im kalten Nieselregen. Blutüberströmte Insassen hinter einer zerborstenen Windschutzscheibe. So beginnt „À l’intérieur“ – „Inside“.

Inhalt

Vier Jahre später. Die junge Fotoreporterin Sarah, die damals ihr ungeborenes Kind und ihren Mann verlor, ist wieder schwanger und steht kurz vor der Entbindung. Am nächsten Tag soll sie ins Krankenhaus, damit die längst überfälligen Wehen eingeleitet werden. Sarah wirkt niedergeschlagen und unausgeglichen. Wir lernen ihre Mutter kennen, zu der sie ein schwieriges Verhältnis hat, und Jean-Pierre, den Vater des Kindes. Er ist etwa doppelt so alt wie Sarah und ihr Chef. Wenn auch nicht völlig lieblos, so scheint er doch mehr damit beschäftigt zu sein, dass er keinen geeigneten Reporter hat, um über die aktuellen Jugendkrawalle zu berichten, als mit der Schwangerschaft seiner Freundin.

Sarah schlägt die Hilfe ihrer Angehörigen aus und will die letzte Nacht vor der Entbindung alleine in ihrem Haus in einer abgelegenen Vorortgegend verbringen. Als sie in ihrer Dunkelkammer Fotos aus ihrer Vergangenheit betrachtet, wird deutlich, dass in der Fassade der taffen jungen Frau ein tiefer Riss klafft: Noch immer trauert sie um Matthieu, der bei dem Unfall vor vier Jahren ums Leben kam. Irgendwann klopft es an der Tür und eine Frau bittet Sarah, sie einzulassen, da sie wegen einer Panne telefonieren müsse. Doch die Schwangere bleibt misstrauisch und versucht, die Fremde abzuwimmeln. Als sie vorschützt, ihren schlafenden Mann nicht aufwecken zu wollen, sagt die Frau: „Aber Sarah, dein Mann ist doch tot!“ Die Worte treffen Sarah wie ein Schlag. Die Unbekannte wird nun rabiat, versucht Sarah noch mehr in Angst zu versetzen und schlägt mit bloßer Faust fast die Glastür zur Veranda ein. Als Sarah die Polizei ruft, ist die mysteriöse Frau verschwunden.

Die Beamten kommen, überprüfen Haus und Umgebung, finden nichts. Sie versprechen Sarah, später noch mal eine Streife vorbeizuschicken, und gehen wieder. Erschöpft von den Ereignissen fällt die junge Frau in einen unruhigen Schlaf. Dann steht plötzlich die Frau an ihrem Bett und beobachtet die Schlafende. Sie geht ins Bad, durchsucht die Schubladen, klaubt einige Utensilien zusammen und kehrt zum Bett zurück. Sie streicht über den Bauch der Schwangeren, streift das Nachthemd zurück. Sie nimmt eine große Schere und fährt damit sacht den nackten Bauch entlang. Dann steckt sie die Spitze der Schere vorsichtig in den Bauchnabel…

Kritik

Was nun folgt, ist eine Achterbahnfahrt durch eine Hölle aus Angst, Schmerz und Blut. Auch wenn Sarah ihr Leben an diesem Punkt (noch?) nicht aushaucht – es bleibt kein Zweifel daran, dass das, was die Unbekannte will, IN Sarah ist. Und dass sie ALLES tun würde, um es zu bekommen. Dabei geht sie mit äußerster Brutalität vor und ist weder gewillt, Hindernisse zu akzeptieren, noch Zeugen zu hinterlassen. Um an dieser Stelle kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es handelt sich hierbei nicht um einen Folterfilm wie „Hostel“ oder gar „Guinea Pig“. Vielmehr entspinnt sich ein gnadenloser und unerträglich spannender Kampf zwischen zwei ungleichen Gegnern – einer rasenden Psychopathin und einer starken, aber verstörten und durch ihre Schwangerschaft gehandicapten Frau. Es wird belagert und belauert, Fluchtversuche werden unternommen, es kommt zu Verhandlungen und äußerster Gewalt. Das blutige Kammerspiel wird aufgelockert durch andere unglückliche Personen, die in die Geschehnisse verwickelt werden und allesamt ein grausiges Ende finden. Die Handlung ist extrem dynamisch und hervorragend choreographiert. Stakkatoartig werden die Nerven des Zuschauers mit Schocks bombardiert, unterbrochen von Momenten der Ruhe, die den „Actionszenen“ aber in nichts nachstehen, was Verstörung und atmosphärische Dichte angeht. „Inside“ packt den Zuschauer mit eisernen Klauen und reißt in hinein in einen Strudel des Terrors, bis keine Distanz mehr möglich ist.

Dies erreicht der Film nicht nur durch seine mörderische Spannung, sondern auch dadurch, dass er konsequent die Attitüden von Slasher- oder Splattermovies vermeidet. Was wir da zu sehen bekommen, ist nicht überdreht oder witzig – es ist härteste, bitterste, nachvollziehbarste Realität. Zu alltäglich ist die Umgebung, zu überzeugend die Figuren, zu nah ist man an ihnen dran, als dass man ein wohliges Gefühl von „Das ist ja alles gar nicht real“ entwickeln könnte. Die Gewalt ist extrem, doch nachvollziehbar – deshalb tut sie dem Zuschauer weh. Im Verlauf des Films steigert sich diese Darstellungsweise immer mehr, bis sie mit einer Neudefinition der Redewendung „Die Schere im Kopf“ schon gefährlich nah an die Grenze zum nicht mehr Ernstzunehmenden gerät. Und genau dann, wenn man glaubt, dass keine Steigerung mehr möglich sei, stößt einen der Film auch noch über diese Grenze und lässt den Zuschauer fassungslos in einen tiefen Abgrund stürzen. Wie schon bei seinem thematischen und atmosphärischen Vorgänger „High Tension“ geschieht dies konsequenterweise erst ganz am Schluss, indem das gesamte Konzept ins Gegenteil umkippt. Mit brachialer Gewalt verwandeln sich die Protagonisten plötzlich in etwas, das den irrealsten Horrorschockern entlehnt zu sein scheint. Und vielleicht tun die Regisseure von „Inside“ dies sogar im besten Interesse des Zuschauers, nämlich um die Distanzlosigkeit aufzubrechen, damit man das Ende überhaupt ertragen kann…

Fazit

Unterm Strich ist „Inside“ ein brillanter Film. Als auf Spannung und schnelle Handlung basierender Thriller ist die Story nicht hoch komplex, jedoch gut durchdacht und nicht ohne überraschende Wendungen. Die Dramaturgie der Action ist hervorragend. Auch visuell bleibt nichts zu wünschen übrig. Bilder von kalter, klarer Trostlosigkeit und bedrohlicher Düsterkeit schaffen eine dichte Atmosphäre. Die Figuren sind überzeugend und gut gespielt. Vor allem Alysson Paradis’ (Sarah) und Béatrice Dalles („die Frau“) Spiel ist eine lupenreine Tour de Force. Alysson Paradis porträtiert die junge werdende Mutter mit all ihrer Trauer, ihrer Verwirrung, ihrer Verstörung und ihrem Schmerz so glaubhaft, dass man gar nicht anders kann, als sich in sie hineinzuversetzen. Béatrice Dalle ("Betty Blue", "Night On Earth") verleiht der wortkargen Psychopathin geradezu dämonische Qualitäten. Emotionslos während ihrer abscheulichsten Taten, beginnt sie manchmal vor Frustration zu toben. In ihrem Spiel drückt sich greifbar eine tödliche Balance zwischen kontrollierter Wut, Gequältheit und geistiger Verwirrung aus.

Das alles ist umso erstaunlicher, da es sich bei den beiden Regisseuren Alexandre Bustillo (der auch das Drehbuch schrieb) und Julien Maury um Neulinge handelt, die ihren ersten Spielfilm präsentieren. Bei aller Begeisterung kann ich diesen Film eigentlich niemandem mit gutem Gewissen empfehlen, denn – darüber sollte man sich im Klaren sein – er ist extrem brutal, verstörend und krank. Wer sich dem jedoch gewachsen fühlt, und es für eine gute Idee hält, sich 77 Minuten lang (die Originalfassung ist 6 Minuten länger) einem nervenzerbröselnden Schrecken auszusetzen, der auch nach dem Ende des Film noch nachwirkt, dem verspreche ich eine außergewöhnliche Erfahrung. Vielleicht ist es ja eine Erfahrung ähnlich dem, was die alten Griechen Katharsis nannten, weshalb sich Freaks wie ich freiwillig so etwas aussetzen, und nach Bildern dürsten, die trotz ihrer Abgestumpftheit noch vermögen, sie zu schockieren… Für mich kam „Inside“ jedenfalls einer Art Offenbarung gleich – etwas, was ich, wie ich glaube, seit „High Tension“ nicht mehr erlebt habe. Warum diese beiden Filme ausgerechnet aus Frankreich kommen, wissen allerdings nur die Götter. Man sollte den französischen Genre-Film auf jeden Fall im Auge behalten…


In diesem Sinne,

„In der Navy bringt man uns bei, sich die Hände zu waschen!“ – „Bei den Marines bringen sie uns bei: ‚Piss dir ja nicht auf die Hände!’“


Euer Movie-Hanns