(Harry Potter and the Philosopher’s Stone)
von Ylva Spörle

Der "Stein der Weisen" ist der erste Teil der mittlerweile
zur Serie gewordenen Geschichte um einen gewöhnlichen irdischen Jungen namens
Harry Potter, der sich als Magier entpuppt und deshalb auch auf "Hogwart's Schule
der Zauberei" geschickt wird, um dort sein Handwerk zu lernen. Wobei die wenigsten
Menschen wissen, daß es Magier gibt, von der Magierschule ganz zu schweigen.
Der erste Band enthält auch die Vorgeschichte Harrys. Es wird berichtet, wie
Harrys Eltern, beide berühmte Magier, im Kampf gegen einen großen, mächtigen
Magier getötet werden. Der kleine Sohn überlebt aus ungeklärten Gründen und
wird von den Magiern bei seinen Verwandten untergebracht. Diese wissen, daß
es Magier gibt, aber sie hassen das "Abnormale" und tun alles, um jedes Anzeichen
von Mystik aus ihrem Leben zu vertreiben. Aber es nützt ihnen nichts - eines
Tages taucht ein Abgesandter von "Hogwart's" bei ihnen auf, damit Harry seinen
Platz als Schüler der Magierschmiede einnehmen kann. Und da fängt das Abenteuer
für Harry an.
Das ganze Buch liest sich schön und ist in ein paar Stunden durchgeschmökert. Die Sprache ist nett und bildhaft - die Dankesworte, die Harry Potter sprechen will "haben sich auf dem Weg zu seinem Mund verlaufen", sein Beschützer schlägt sich die Hand auf die Stirn "mit ausreichend Kraft, um einen Pferdewagen zu stürzen" (eine immerhin fantasygerechte Assoziation) - aber auch nahe an der Grenze zum Kitischigen: Als Harry in die Zauberschule aufgenommen wird, fühlt er sich "so glücklich, als blähte sich ein großer Ballon in ihm auf". Kurz darauf erzeugt der Gedanke an Geldmangel in ihm das Gefühl, "als hätte der Glücksballon in ihm gerade ein kleines Loch bekommen".
Psychologische Tiefe gehört nicht zu den Stärken
des Buches, aber es war bestimmt auch nicht Rowlings Absicht, in die
selbstzerquälerischen Fußstapfen von M.Z. Bradley zu treten. Darum
hat die Autorin keine Hemmungen, die Figuren gnadenlos zu überzeichnen.
So sind die Adoptiveltern des angehenden jungen Magiers zutiefst unsympathisch
und verhalten sich ekelhaft zu Harry, wie es sich für Stiefeltern gegenüber
dem Aschenbrödel gehört. Petunia, die "Frau des Hauses",
ist eine strohdumme blonde Frau, die seit Jahren darunter leidet, daß
ihre magisch begabte Schwester zu Hause so beliebt war. Ihr Mann Vernon zeigt
sich als dicker, dummdreister Langweiler, der jeden Morgen zu seinem noch langweiligeren
Arbeitsplatz fährt. Beide haben einen völlig verzogenen, fetten Sohn
namens Dudley, der Aschenbrödel-Harry rollengerecht piesackt.
Das Ganze erinnert einen daran, daß es sich eben um ein Kinderbuch handelt,
und nicht im besten Sinne. Denn für die ganz Kleinen - wenn sie denn schon
lesen können - ist die Geschichte eigentlich wieder zu kompliziert.
In einem SPIEGEL-Artikel wurde erwähnt, daß die Darstellung der Mädchen
nicht besonders gelungen sei, und leider muß ich dieser Mängelrüge
folgen. In der Schule kommen zwar ein paar Mädchen vor, aber eben nur das.
Eine herausragende Mädchenfigur ist Hermione, die aber anfangs ziemlich
nervt, so wie mensch das eben von Mädels gewohnt ist (?). Daneben gibt
es auch ein paar Lehrerinnen und sogar eine Rektorin. Nur frage ich mich, wie
können aus dämlichen Mädels bloß energische, selbstbewußte
Frauen werden, die wichtige Stellen in der Zauberschule besetzen? Oder sehe
ich das nun wieder zu ernst?
Auch wenn Hermione im Laufe der Zeit sympathischer wird und sich sogar mit den
beiden männlichen Hauptfiguren anfreundet, eine Identifikationsfigur ist
sie nicht. Männer, wundert Ihr Euch noch, wenn Frauen so komisch sind-
wenn sie nur solche "Vorbilder" bekommen?
Die Geschichte selbst zieht sich, nach einem netten Start, dann doch etwas in
die Länge. Über viele Seiten verfolgt der Leser den spielerischen
Kampf zweier Schulmannschaften. Gespielt wird Quidditch, das vermutlich
eine zauberische Kreuzung aus Football und Baseball darstellt.
In noch viel mehr Seiten wird das Geschehen in der Schule und die Interaktion
zwischen den Schülern beschrieben. Mensch fühlt sich stark an die
alten Internatsgeschichten erinnert, die Kinder (meistens Mädchen) überlicherweise
zu lesen bekommen, ob sie denn "Dolly", "Hanni &Nanni"
oder sonstwie heißen. Das aufregendste, das den Figuren widerfährt,
sind nächtliche, natürlich verbotene Ausflüge auf dem Schulgelände.
Die "Mitternachtspartys" lassen grüßen. (... ich oute
mich gerade: Auch ich habe früher diesen Schmarrn gelesen!)
Zum Schluß zieht es noch etwas an, denn die drei Freunde Harry, Hermione
und Ron müssen einen sehr rollenspielkompatiblen Rätsel-Parcours meistern,
um vor dem Bösewicht an den Stein der Weisen zu gelangen. Danach
ist jedoch noch nicht Schluß, es folgt noch ein gutes Stück mit jeder
Menge Schulgeschichten nach dem Muster "Ende gut, alles gut".
Das Ende? Das Fazit. Es lautet für mich: "Harry Potter" ist Fantasy
für Arme - es langt gerade für den kleinen Hunger zwischendurch. Ich
sehe keinen Grund, warum Erwachsene es zum Kult erheben sollten.
Die bisher erschienenen Bücher sind:
Harry Potter and the Philosopher's Stone
Harry Potter and the Chamber of Secrets
Harry Potter and the Prisoner of Azkaban
P.S. Da ich es nicht lassen kann, werde ich mir den Film trotzdem ansehen. Aber
nicht im Kino.