Bruegge sehen und sterben ?


Hans Liebert

Komödien über Killer? – Im Post-Tarantino-Zeitalter keine Besonderheit mehr. Buddy-Movies mit gegensätzlichen Charakteren? – Standard. Filme mit Colin Farrell? – Nur wenn es unbedingt sein muss… Und dann kommt plötzlich ein britischer Filmemacher daher und haut einem diese Zutaten in seinem ersten Langfilm um die Ohren, dass einem das abgeklärte Cineastenherz vor Erstaunen heftig zu pochen beginnt. „In Bruges“ (so der Originaltitel) ist erfrischend anders, intelligent, gut gespielt und vor allem sehr, sehr witzig!
Das ungleiche irische Profikiller-Gespann Ken und Ray wird von seinem Auftraggeber Harry (Ralph Fiennes) ins belgische Brügge geschickt, nachdem Neuling Ray (Colin Farrell) seinen ersten Hit verpatzt hat – und zwar mit katastrophalen Folgen. Sie sollen dort untertauchen und die Stadt besichtigen. Während der ausgeglichene Ken (Brendan Gleeson), ein netter Mittfünfziger, mit Begeisterung die kulturellen Sehenswürdigkeiten des mittelalterlichen Stadtkerns bewundert, bläst Prolet Ray Trübsal, legt sich mit Touristen an und schimpft auf das "Scheißkaff".
Auf einem nächtlichen Spaziergang stoßen sie auf ein Filmteam, das ein Remake von „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ dreht. Ray lernt die hübsche Chloë kennen, die davon lebt, Filmcrews mit Drogen zu versorgen und zusammen mit ihrem Skinhead-Ex-Freund Touristen auszurauben. Mit von der Partie ist auch der kleinwüchsige Schauspieler Jimmy, der manchmal Pferdeberuhigungsmittel nimmt und den Ray „Gnom“ nennt. Chloë und der irische Schnösel kommen sich näher, und Ken schleppt seinen Schützling durch mittelalterliche Katakomben und Kunstmuseen, wo der Banause vor Langeweile anfängt, wie ein kleines Kind zu schmollen. Für Ray sind die Meisterwerke abendländischer Malerei allesamt Mist, lediglich ein Gemälde von Hieronymus Bosch über das jüngste Gericht fasziniert ihn.
Und das kommt nicht von ungefähr, denn seit dem verpfuschten Auftrag quälen Ray furchtbare Schuldgefühle. So kommt es dazu, dass die beiden Killer an einem Kanal sitzen und darüber philosophieren, wie man trotz dieses Berufs ein gutes Leben führen kann. Als schließlich klar wird, dass Auftraggeber Harry die beiden nach Brügge geschickt hat, damit Ray vor seinem Tod noch ein schönes Erlebnis hat, ist Ken gezwungen, seinen Berufsethos noch weiter in Frage zu stellen ...
Martin McDonagh hat ein wunderbares Kleinod von Film geschaffen – beachtlich vor allem, da „Brügge sehen… und sterben?“ sein erster Spielfilm ist. Bis dato hatte der britische Regisseur erst einen Kurzfilm gedreht, allerdings schon zahlreiche erfolgreiche Theaterstücke geschrieben. Das Ungewöhnlichste an diesem Film ist natürlich sein Schauplatz – das beschauliche und kulturträchtige Brügge, das so unglaublich weit entfernt ist von einem Großstadt-Moloch wie London, wo man eine Geschichte über Profikiller erwarten würde, bildet einen sehr reizvollen Kontrast zum organisierten Verbrechen und der Gewalt, die vor allem gegen Ende des Films eskaliert.
Daraus speist sich auch die Komik. Die Figur des Ray ist völlig fehl am Platze, sie wirkt wie aus einer anderen Welt. Und die Professionalität der Killer gleitet immer dann ins Absurde ab, wenn sie von der Normalität um sich herum oder der Mörder selbst gebrochen wird. In einer Szene sitzen Ken und Harry sich in einem Straßencafé als Feinde gegenüber. Es geht um Verrat und Vergeltung, die Drohung des Todes hängt greifbar in der Luft. Da erwähnt einer der beiden die Alkoven, über die Yuri, ein Waffenschieber und Harrys Verbindungsmann in Brügge, gesprochen hat. „Ach“, sagt da der andere, „kam er dir auch mit seinen Alkoven?“ Beide fangen an, über Yuri zu lachen – plötzlich sind sie wieder nichts weiter als alte Freunde. Auch Harrys Begeisterung über das „märchenhafte“ Brügge und seine strikten Moralprinzipien verwandeln sich angesichts seiner Profession in schwarzen Humor.
"Brügge sehen... und sterben?" wartet auf mit einem wunderbaren Reigen skurriler Charaktere, allesamt hervorragend gespielt. Brendan Gleeson (Harry Potter, The Village, 28 Days Later) ist vielleicht der sympathischste Killer der Filmgeschichte, und Ralph Fiennes (Harry Potter, Red Dragon, Spider) zeichnet die Figur des Harry als unberechenbaren, widersprüchlichen Charakter, pendelnd zwischen skrupellosem Killer und treu sorgendem Familienvater, zwischen vergeistigtem Kulturmenschen und fluchendem Proleten. Seine cholerischen Ausbrüche sind umwerfend komisch. Selbst Colin Farrell (Miami Vice, Alexander, Nicht auflegen!) zwang mich anzuerkennen, dass er tatsächlich schauspielern kann. Sicher, er spielt mal wieder ein cooles Raubein, und natürlich macht er ständig die Sache mit seinen Augenbrauen – aber darüber hinaus gelingt es ihm, seiner Figur eine unterschwellige Unsicherheit zu verleihen. Er spielt den ignoranten Kulturbanausen mit Selbstironie und meistert sogar einige sehr emotionale Szenen, in denen Ray von seinen Schuldgefühlen geplagt wird. Auch die Nebenfiguren sind hervorragend besetzt und gespielt, wie die durchgeknallte Chloë (Clémence Poésy), ihr Ex-Freund Eirik (Jérémie Renier), der zwar gerne ein knallharter Krimineller wäre, aber von niemand ernst genommen wird, die selbstbewusste Pensionswirtin Marie (Thekla Reuten), der stets übellaunige „Gnom“ Jimmy (Jordan Prentice) und der Waffenschieber Yuri (Eric Godon), der bemüht ist, sein Englisch zu perfektionieren.
Martin McDonagh versteht sein (neues) Handwerk – er setzt die Stadt mit schönen, melancholischen Bildern in Szene, und zeigt auch sonst ein gutes Gespür fürs Visuelle. Sehr beeindruckend z.B. die Szene, in der Ray gegen Ende angeschossen durch die Stadt stolpert, und sich plötzlich zwischen Nebelschwaden und Menschen mit Tierköpfen wieder findet – das Filmteam dreht eine Traumsequenz, die auf surreal anmutende Weise wieder den Bogen zum Bosch-Gemälde spannt.
Die Geschichte, die der Regisseur auch selbst schrieb, ist gewitzt und mit vielen Wendungen gewürzt. Der Spannungsbogen baut sich gemächlich aber effektiv von der gemütlichen Stadtbesichtigung am Anfang bis zum blutigen Action-Showdown am Ende auf. Auch die Dialoge sind hervorragend – pfiffig, schnell und amüsant. Ich bedauere lediglich, den Film nicht im Original gesehen zu haben, und somit nicht in den Genuss des irischen Slangs gekommen zu sein. Aber das werde ich mit Sicherheit noch nachholen! Zum Abschluss ein „Fun-Fact“: Laut „The Internet Movie Database“ wird das Wort "Fuck" und davon abgeleitete Wörter 126-mal in den 107 Minuten des Films gesagt – das sind im Schnitt 1,18 "Fucks" pro Minute!

"Brügge sehen... und sterben?" ist einer der unterhaltsamsten Filme, die ich seit langem gesehen habe. Eine skurrile und absurde Mischung aus Tragik und Komik, Philosophie, Gewalt und Kultur. Wer „Pulp Fiction“ und „Snatch“ mochte, wird diesen Film lieben – und alle anderen auch!