Hans Liebert
Eine Gruppe von Männern, allesamt mit Clownsmasken angetan, führt einen Bankraub durch. Die Aktion ist minutiös geplant und wird wie von einem Sonderkommando abgewickelt. Die 68 Millionen Dollar, die sie im Begriff sind zu stehlen, gehören der Mafia. Mit der Gegenwehr werden die Verbrecher leicht fertig, und nach und nach bringt einer den anderen um, bis nur noch ein Mann übrig ist. Bevor dieser in den Fluchtschulbus steigen kann, entspinnt sich ein Wortwechsel zwischen ihm und dem verletzt am Boden liegenden Bankdirektor. Dieser fragt ihn, woran er glaube. Der Mann zieht die Maske vom Kopf und entblößt ein Gesicht, das wie die Parodie eines Clowns geschminkt ist. "I believe", sagt der Mann, "that whatever doesn't kill you, simply makes you... stranger!" Dann packt er dem entsetzten Bankmenschen eine Granate in den Mund, springt in den Bus, fährt davon und reiht sich in die Kolonne von Schulbussen ein, die gerade an der Bank vorbeifährt.
Meine Damen und Herren, ich präsentiere: Der Joker der Post-Tim-Burton-Ära! Doch ich greife vor... Ein Jahr ist es her, seit Batman (Christian Bale) die drohende Zerstörung von Gotham City in letzter Sekunde verhindern konnte. Inzwischen ist der Maskierte als Beschützer der Stadt ein fester Begriff, was jedoch neue Probleme mit sich bringt: Nachahmer versuchen, in Batman-Kostümen ebenfalls Selbstjustiz zu üben - wo kämen wir denn da hin, wenn das jeder dürfte? Dies macht unserem Helden allerdings nur am Rande zu schaffen...
Gothams Polizei, allen voran Lt. Jim Gordon (Gary Oldman) und der neue Oberstaatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart), arbeiten am entscheidenden Schlag gegen die italienische und russische Mafia, sowie die diversen anderen ethnisch geprägten kriminellen Organisationen, die der Amerikaner zusammenfassend liebevoll "Mob" nennt. In einer groß angelegten Aktion sollen die massiven Geldreserven des Mobs in verschiedenen Banken konfisziert werden - allerdings sind diese bereits verschwunden. Der Mob hatte Insiderinfos und hat die Kohle rechtzeitig wegschaffen lassen - der Mann, der dafür verantwortlich ist, und somit ein hervorragender Belastungszeuge wäre, ist Lau (Chin Han), ein vorgeblich seriöser Geschäftsmann, der sich bereits wieder nach Hong Kong abgesetzt hat. Leider hat man dort keine juristische Gewalt über ihn, weshalb Batman gebeten wird, ihn nach Gotham zurückzubringen. Was dieser auch tut, in einer sensationellen Aktion, aus der man locker einen halben Mission: Impossible-Film hätte machen können.
Die Behörden machen nun also jede Menge Mobangehörige dingfest, aber inzwischen hat sich der Joker (Heath Ledger) mit dem Mob verbündet und beginnt seinen Terrorfeldzug gegen Gotham, Batman, Harvey Dent, sowie Recht und Ordnung im Allgemeinen. Das klingt alles ein wenig kompliziert? Tatsächlich fangen die Verwicklungen gerade erst an...
"The Dark Knight" ist nicht einfach nur eine weitere Superhelden-Comic-Verfilmung, sondern ein High-Tech-Action-Thriller der Extraklasse, der mit halsbrecherischer Geschwindigkeit seine hoch komplexe und immer wieder überraschende Story entwickelt, und nebenbei sogar noch Zeit findet, einen riesigen Cast an Charakteren dreidimensional darzustellen, sowie philosophische Fragen aufzuwerfen und seine Hauptprotagonisten in moralische Dilemmata zu stürzen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei der perfide Plan des Jokers, seine Widersacher Batman und Harvey Dent zu korrumpieren, sie in moralische Monster zu verwandeln - und es ist nicht zuviel verraten, dass es ihm bei einem der beiden gelingt. Die Spannung des Films lebt dabei zu einem guten Teil davon, dass der Joker eben das ist, was man ein kriminelles Mastermind nennt - einer der wichtigsten Archetypen der Superheldencomics. Immer wieder muss der Zuschauer überrascht feststellen, dass das verrückte Superhirn seinem Gegner doch wieder einen Schritt voraus war.
Aber der Joker ist nicht nur ein Superhirn - er ist auch ein bizarrer und erschreckender Psychopath, ein Wesen ohne Mitleid und Skrupel. Er fördert das Chaos, wo er nur kann, und tut dies mit dem Geschick eines Menschen, der das Funktionieren der Psyche und der Gesellschaft meisterhaft durchschaut. Indem er sich mit seinen Drohungen über das Fernsehen an die Öffentlichkeit wendet, und gleichzeitig "Auswege" aufzeigt, stachelt er die Bevölkerung zu Gewalt und Lynchjustiz auf. Und das alles nur, um ein philosophisches Argument zu bekräftigen - um seiner Nemesis zu beweisen, dass die Natur des Menschen böse ist. Natürlich nicht, ohne dabei dämonische Freude zu empfinden... Dieses perverse Spiel kulminiert in einer unvergesslichen Szene, in der der Joker den Passagieren zweier Fähren, die evakuierte Bewohner Gothams transportieren, mitteilt, dass sich auf jeder Fähre eine Bombe befindet. Die Funkzünder zu den Bomben befinden sich auf der jeweils anderen Fähre - die Passagiere haben es nun in der Hand, die Menschen auf der anderen Fähre zu töten, falls diese ihnen nicht zuvorkommen. Sollte zu einem bestimmten Zeitpunkt noch keine der Bomben explodiert sein, würde der Joker beide zünden. Ein soziologisches Experiment der ganz besonderen Art...
Der Joker ist ganz klar der Star des Films. Christian Bale, Gary Oldman, Morgan Freeman und Michael Caine liefern ihre gewohnt hervorragenden Leistungen ab. Aaron Eckart (Black Dahlia, Thank You For Smoking, Suspect Zero) überzeugt als Harvey Dent - er hat einige sehr emotionale Szenen und bewältigt diese, ebenso wie sein moralisches Dilemma (erwähnte ich es bereits?), ausgezeichnet. Maggie Gyllenhaal (Stranger Than Fiction, Donnie Darko) als Rachel Dawes blieb mir nicht so sehr im Gedächtnis, abgesehen davon, dass sie zum Anbeißen aussah... Wobei mir an dieser Stelle auffällt, dass Frauen in diesem Film stark unterrepräsentiert sind - Maggie Gyllenhaal spielt die einzige weibliche Hauptrolle, und selbst diese ist nicht besonders tragend. Ein kleiner Kritikpunkt an einem sonst grandiosen Filmerlebnis.
Aber zurück zum Joker: Heath Ledger interpretiert Batmans Lieblingssuperschurken aller Zeiten auf eine absolut stimmige und hoch aktuelle Weise. Nichts gegen die Darstellung von Jack Nicholson im 1989er Batman - im Rahmen des märchenhaften Goth-Ambientes, in dem Tim Burton sein Gotham inszenierte, war Nicholsons Joker legitim. Aber Heath Ledger zeigt uns einen Joker, wie er im Zeitalter der Serienmörderfilme und High Tech-Action-Thriller sein muss: Hart, brutal, zynisch und absolut verrückt. Dieser Joker ist keine Witzfigur - auch wenn er immer wieder für unglaublich komische Szenen sorgt, so scheinen doch stets sein Wahnsinn und seine Grausamkeit durch. Mehr noch, dieser Joker ist eine beschädigte, traumatisierte Persönlichkeit, manchmal verwirrt wirkend, vor sich hin stammelnd, doch jederzeit bedrohlich in seiner Wut und seinem Sadismus. Kein eitler Geck, sondern ein harter Knochen, der ebenso viel Prügel einstecken kann, wie er auszuteilen vermag. Neben Ledgers grandioser schauspielerischer Leistung ist aber auch die Entscheidung zu würdigen, sich weit genug von der Comicvorlage zu entfernen, um dem Joker kein deformiertes Grinsegesicht zu verpassen. Mit seinem schlampigen Make-up und den wirr in die Stirn hängenden Haaren wirkt er jederzeit weitaus gefährlicher und psychopathischer, als es Nicholson in den besten Szenen des Burton-Films tat.
Dass Christopher Nolan ein begnadeter Regisseur ist, muss an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. Er hat seine Fähigkeiten in Filmen wie "Memento", "Insomnia", "Batman Begins" und "The Prestige" zur Genüge unter Beweis gestellt. Wenn "Batman Begins" noch ein wenig an einer ungünstigen Spannungskurve litt, so ist dies in "The Dark Knight" nicht mehr der Fall. Der Film ist unglaublich spannend, ohne dabei an Substanz zu verlieren, und man merkt kaum, dass er sich über 2,5 Stunden erstreckt. Wie schon beim Vorgänger bekommt man eine äußerst dichte, düstere Atmosphäre und beeindruckende Bilder serviert - allerdings setzt Nolan an allen Fronten noch einen (oder zwei...) drauf, vor allem bei dem Actionsequenzen, die wirklich atemberaubend sind. Lediglich ein einziger Wermutstropfen bleibt, nämlich dass es kaum möglich erscheint, dieses Spektakel noch einmal zu toppen - denn dass eine weitere Fortsetzung geplant ist, geht aus dem Film eindeutig hervor.
Fazit: "The Dark Knight" ist ein absolutes Muss für alle Fantasy-, Science Fiction- und Action-Filmliebhaber, Rollenspieler und Comicfans. Und selbst, wenn du dir niemals eine "Comicverfilmung" ansehen würdest - tu es! Dies hier ist weit, weit mehr. Und es lohnt sich!