Hans Liebert
Der neue Horrorfilm von Sion Sono (Suicide Circle aka Suicide Club, Strange Circus) ist wirklich merkwürdig - umso besser!
Die Grundsituation ist klassischer J-Horror: Ein von einer gequälten Seele ausgehender Fluch reißt in deren Zorn Schuldige und Unschuldige gleichermaßen ins Verderben bzw. einen unangenehmen Tod. Ausgangspunkt ist die Leiche einer jungen Frau, die in einem Container voller Menschenhaar gefunden wird. Sie wurde von Organhändlern gequält und getötet, die ihr die Leber und ein Auge bei lebendigem Leib rausschnitten, und ihre Haare abschnitten, um sie als Material für Haarverlängerungen zu verkaufen. Kein Wunder, dass der Geist der Gequälten auf Rache sinnt und diese vor allem an denen nimmt, die sich mit dem Haar von Menschen schmücken, die dafür ihr Leben lassen mussten.
Allerdings fällt die Leiche, der noch im Tod rasend schnell Haare wachsen, und zwar überall (!), in die Hände eines bizarren Haarfetischisten. Dieser verkauft das von ihr geerntete Haar als Haarverlängerungen, und verbreitet somit den Fluch.
In die grausigen Ereignisse wird eine angehende Hairstylistin verwickelt (Chiaki Kuriyama, die "Gogo Yubari" aus Kill Bill: Vol.1), die eigentlich genug Probleme hat mit ihrer psychopathischen Halbschwester. Diese misshandelt nämlich ihre kleine Tochter nicht zu knapp, so dass die Azubine sich gezwungen sieht, das Kind vor ihrer brutalen Mutter zu beschützen. Einen nicht geringen Teil des Horrors dieses Films macht nicht der Fluch aus, sondern die Darstellung des unmenschlichen Umgangs der Mutter mit dem kleinen Mädchen. Dabei geht es vor allem an die Nieren, wie verängstigt dieses Kind ist: Es erwartet jederzeit geschlagen zu werden, weil es etwas anderes nicht kennt, und ist auf absoluten Gehorsam konditioniert.
Auch nicht nett sind die Auswirkungen des Fluchs: Den betroffenen sprießen Haarbüschel und Strähnen aus Augen und Mund, aus Fingernägeln und Wunden. Bisweilen wuseln Haarmassen wie ein amorphes Lebewesen durch die Gegend. Gegen Ende wird der Film jedoch so absurd, dass er in eine bizarre Komik umschlägt: Wenn die angehende Friseurin dem Haarfetischisten die Zunge etwa 30 cm aus dem Mund herauszieht, und diese dann wie ein Gummiband zurückschnalzt, sitz man nur noch ungläubig vor dem Bildschirm. Der Tod des Psychopathen ist jenseits aller Beschreibung - das muss man einfach gesehen haben!
Exte ist spannend und atmosphärisch, voller abgedrehter Ideen und gut gezeichneter Figuren. Vor allem die junge Hauptdarstellerin Kuriyama überzeugt auf ganzer Linie. Regisseur Sono treibt die düstere Faszination des japanischen Horrorfilms für lange schwarze Haare (siehe Sadako in Ring, die Ermordete in (Ju-On) auf die Spitze und darüber hinaus. Dieser Film wird bei Uneingeweihten sicherlich nur Unverständnis hervorrufen, ist jedoch für Freunde des japanischen Horrors ein Leckerbissen!