KatieBird


Hans Liebert

KatieBird Wilkins, eine offensichtlich schwer gestörte Person, fällt nach dem Tod ihres Vaters über ihren Psychologen und Liebhaber her, schlägt ihn nieder, kettet ihn ans Bett und erzählt ihm dann ihre Lebensgeschichte. Zwischendurch vergewaltigt und foltert sie den Mann. Sie gibt nun zu, wie ihr Vater und auch dessen Vater und Großvater vor ihm, eine Serienmörderin zu sein. Sie berichtet davon, wie ihr Vater sie erzog und sie, nachdem sie sich selbst dazu entschieden hatte zu morden, bei ihrem ersten Mord anleitete. Ihr Vater hatte sie nicht dazu gezwungen, es war ihm wichtig, dass Katie ihm aus freien Stücken in seine Fußstapfen folgte. Dabei war das Verhältnis des Psychopathen zu seiner Tochter stets liebevoll und geradezu grotesk normal. Ebenso wie ihr Vater philosophiert KatieBird über das Töten als eine Art von Lebensstil, als Ausdruck dessen, was sie als Person ausmacht. Dabei ist sie völlig frei von Einfühlungsvermögen den Opfern gegenüber und von moralischen Bedenken.
Die Episoden aus ihrer Kindheit und Pubertät (in der KatieBird ihren ersten Mord verübt, an einem Jungen, der sie wegen eines anderen Mädchens verlassen hat), werden in Rückblenden erzählt. Dazwischen kehrt der Film immer wieder in die Jetztzeit zurück, wo Katie ihr grausames Spiel mit ihrem Gefangenen treibt. Irgendwann ist die Geschichte erzählt und der Psychologe tot - es gibt keine Auflösung. KatieBird wird sich weiterhin durch das verwirklichen, was sie als ihre einzigartige Gabe betrachtet - das Töten.

Das verstörende an diesem Film ist die Tatsache, dass es sich bei den Mördern nicht um eine degenerierte Bande von menschlichen Monstern à la Texas Chainsaw Massacre handelt, sondern um einen liebevollen Vater, der sich bemüht, seiner Tochter ganz ohne Zwang seine Lebensphilosophie und die Familientradition nahe zu bringen. Und um ein aufgewecktes junges Mädchen, das sich mit den normalen Sorgen einer Heranwachsenden herumschlägt und manchmal mit ihrem Daddy herumalbert.

Der bizarre Inhalt wird beeindruckend in die Bildsprache übersetzt. Fast ununterbrochen irritiert den Zuschauer ein Overkill an Split-Screen-Technik. Die nebeneinander und zum Teil auch überlagert angeordneten Einzelbilder zeigen manchmal verschiedene Perspektiven einer Szene, manchmal verschiedene Akteure, und manchmal nur leicht verschobene Aufnahmen derselben Szene bzw. desselben Akteurs. Das Ergebnis ist eine verwirrende Bilderflut, die als Interpretation des Zustandes eines schwer gestörten Geistes verstanden werden kann. Die merkwürdige, oftmals enervierende Musik trägt ebenfalls dazu bei, eine Vorstellung von der gestörten Psyche zu erlangen. Dies geschieht in KatieBird aber wohlgemerkt auf einer diffusen, emotional bzw. intuitiv erfahrbaren Ebene - im Gegensatz zu der sehr ambitionierten Darstellung der Psyche des Psychopathen in dem hervorragenden The Cell von Tarsem Singh. Denn Singh gelingt das Meisterstück, die kranke Psyche tatsächlich visuell erfahrbar zu machen, durch eine surreale Traumwelt, gespickt mit Symbolen, welche die wichtigen emotionalen Inhalte und Erinnerungen der Persönlichkeit des Killers repräsentieren. Dadurch kann die Psyche nicht nur erahnt werden, sondern wird auch verstehbar. Zu einer vergleichbaren Darstellung fehlte bei KatieBird freilich das Budget, denn es handelt sich um einen Independent-Low-Budget-Film. Das tut allerdings der Intensität des Films keinen Abbruch.

Darüber hinaus holt der Film aber das Beste aus seinem schmalen Budget heraus. Die Kameraführung ist sehr gut, die Darsteller sind überzeugend, und dem Regisseur Justin Paul Ritter gelingen hervorragende Bilder. Vor allem die Sequenz, in der die jugendliche KatieBird ihren Ex-Freund durch eine Bepflanzung aus niedrigen Bäumchen lockt, ist visuell sehr beeindruckend. Die Umgebung wirkt wie eine Traumwelt, ganz in Gelb- und Orangetönen gehalten, und mit merkwürdigem Licht. Trotz des hellen Tages und der leuchtenden Farben entsteht eine intensive, bedrohliche Atmosphäre.

Was diesen Film sicherlich schwierig macht für die meisten Zuschauer, ist seine sehr explizite Darstellung von Mord und Folter - vermutlich (aber dazu später mehr...). Regisseur Justin Paul Ritter schrieb das Drehbuch zu KatieBird innerhalb von zwei Tagen, als Reaktion auf seine Frustration darüber, nach fast zwei Jahren im Filmgeschäft immer noch Drehbücher für schmierige Sex-Thriller-Filmchen überarbeiten zu müssen. Nach eigener Aussage habe er die Worte regelrecht aufs Papier gekotzt, nach dem Motto: "Ihr wollt Exploitation? Ich werde euch Exploitation geben!" Dementsprechend wütend, böse und düster ist der Film geworden. Aber eben auch ein ehrlicher und handwerklich gut gemachter Film, realisiert von Menschen, denen etwas an ihrem Projekt lag.

Also warum ist die Gewaltdarstellung vermutlich sehr explizit? Alle sekundären Quellen deuten darauf hin, aber ich konnte mich leider nicht persönlich davon überzeugen - denn die in Deutschland veröffentlichte Version des Films enthält so gut wie keine expliziten Gewaltszenen, größtenteils nur Andeutungen. Diese Version von KatieBird wurde eben mal um schlappe 30 Minuten gekürzt!!! Das dies dem Gesamtverständnis eines Films entgegensteht, wenn man ein Drittel davon wegschneidet, dürfte klar sein. Worin besteht der Sinn, ein derart verstümmeltes Werk überhaupt noch zu veröffentlichen?

Befürworter der Zensur gehen meist davon aus, dass vor allem junge Menschen durch das Betrachten brutaler Gewaltszenen zu deren Nachahmung verleitet werden. Dafür gibt es bis heute jedoch keine stichhaltigen Beweise. Und die Tatsache, dass z.B. Amokläufer sich vor ihrer Tat mit gewalttätigen Filmen und Computerspielen beschäftigt haben, belegt diese Behauptung ebenso wenig. Es dürfte ja nicht verwundern, dass ein Mensch, der durch sozialen Druck, Isolation und Frustration (die Ursachen für Amokläufe sind hinreichend erforscht) immer stärkere Gewaltfantasien entwickelt, sich Möglichkeiten sucht, diese Fantasien auszuleben. Man darf hier aber nicht die Folgen mit der Ursache verwechseln. Immerhin ist die Darstellung von Gewalt extrem verbreitet in der menschlichen Gesellschaft - Gewalt fasziniert Menschen, und hat es schon immer getan. Die Geschichte ist voll von Beispielen dafür. Aber in Relation zur starken Verbreitung gewalttätiger Filme, Spiele, Bücher, usw. wird doch nur ein eher geringer Teil der Konsumenten selbst gewalttätig. Daher müsste es eigentlich nahe liegen, einen anderen gemeinsamen Faktor zu finden. Es sind die gesellschaftlichen Zustände, im großen Zusammenhang (Konkurrenzdruck, Perspektivlosigkeit, Marginalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen, Verarmung, etc.) wie im ganz kleinen, familiären (Vernachlässigung, Indifferenz, Ablehnung, Misshandlung, Suchtproblematiken, etc.), die zum Entstehen von Gewalt führen. Die Verantwortung dafür einem Sündenbock wie den Horrorfilmen oder den Computerspielen zuzuschieben, ist nicht nur unfair, sondern auch kurzsichtig und verantwortungslos, da dadurch das Problem nicht gelöst wird. Lediglich soll die Öffentlichkeit damit beruhigt werden - und das natürlich, ohne die Kassen allzu sehr zu belasten. Denn die realen, sozialen Ursachen der Gewalt können nur behoben werden, wenn unser Staat in sein Sozialsystem und die Bildung investiert - vielleicht hätte Robert Steinhäuser im April 2002 nicht 16 Menschen getötet, wenn es am Erfurter Gutenberg-Gymnasium einen fähigen Schulpsychologen gegeben hätte, der dem jungen Mann in seiner Krisensituation hätte beistehen können...

Für mich stellt sich bei dieser Art von Zensur die Frage nach dem Respekt vor dem Werk des Künstlers, und nach der Mündigkeit, die dem Zuschauer zu- oder eben abgesprochen wird. Immerhin ist KatieBird ab 18 Jahren freigegeben - müsste das nicht ausreichen, oder spricht man selbst erwachsenen Menschen die Fähigkeit ab, mit schwierigem Filmmaterial umzugehen? Ich für meinen Teil fühle mich bevormundet. Darüber hinaus bin ich der Meinung, dass explizite Gewaltdarstellung einen weitaus abschreckenderen Effekt hat als wenn man überhaupt nicht die Konsequenzen von Gewalttaten zu sehen bekommt. Denn Letzteres stellt eine Verharmlosung dar, während ein Zuschauer, der die Angst und den Schmerz eines Opfers wahrnimmt, gezwungen wird, sich in dieses hineinzuversetzen. Das bedeutet Einfühlung und den Gedanken "das möchte ich nicht erleben" - woraus der Transfer folgt, dass es nicht gut ist, anderen Gewalt anzutun, weil man sich vorstellen kann, wie furchtbar dies ist. Wenn aber, wie es im heutigen Mainstream-Kino üblich ist, der Held ohne Reue um sich ballert und die gesichtslosen Gegner umfallen, ohne dass ihre Qual oder die Folgen für ihre Hinterbliebenen sichtbar werden, dann kann beim unbedarften Zuschauer schon eher der Eindruck entstehen, dass Gewalt eine adäquate Problemlösung darstellt.

Abschließend kann ich Freunden härterer Filmkost KatieBird nur ans Herz legen, allerdings nicht in der geschnittenen 71-Minuten-Version. Imdb gibt die Lauflänge des Originals mit 100 Minuten an. Der deutsche Untertitel des Films lautet übrigens "Die Geburt eines Monsters", was zwar nicht unbedingt unpassend ist, aber reichlich plakativ. Der Untertitel der amerikanischen Originalfassung lautet "Certifiable Crazy Person". Und dieser Titel ist wirklich Programm!