von Hanns Liebert
Habe ich schon einmal erwähnt, dass ich japanische Filme liebe? Nicht nur, aber vor allem auch Horror-Filme? Nein? Unglaublich! Ein Versäumnis, das ich nach nunmehr fünf Rezensionen endlich nachholen muss. Das japanische Kino zeichnet sich generell durch eine Erzählweise aus, die uns, die wir stark geprägt sind vom amerikanischen und europäischen Film, häufig als verwirrend erscheint. Symbolismus spielt ebenso eine Rolle wie der Verzicht darauf, es dem Zuschauer leicht zu machen, indem alles jederzeit haarklein erklärt wird. Im japanischen Film werden Zusammenhänge oft nur angedeutet oder gar vorausgesetzt, die Interaktion der Personen ist häufig minimalistischer, ein Blick ersetzt bisweilen einen langatmigen Dialog darüber, wie sich eine Person fühlt oder welche Beziehung zwischen zwei Personen besteht. Dies fordert den Betrachter zwar mehr, stellt aber eine erfrischende Abwechslung zu den Hollywood-Klischees dar.
Daraus folgt, dass das japanische Kino freier ist für Innovationen, weil es sich nicht den amerikanischen/europäischen Konventionen beugen muss (obwohl es natürlich auch eigene Konventionen entwickelt). Es sprudelt geradezu über vor kreativer, häufig bizarrer und absurder Einfälle. Beispiele dafür findet man z.B. in den Filmen von Takashi Miike (Tip: The Happiness Of The Katakuris), aber auch zuhauf im japanischen Zeichentrickfilm. Animes überschreiten regelmäßig die Grenzen des Vorstellbaren, hier findet man die abgedrehtesten Ideen und merkwürdigsten Charaktere. Dies gibt dem japanischen Film nicht zuletzt die Möglichkeit, immer wieder Grenzen zu überschreiten und Tabus zu brechen.
1998 setzte Japan mit dem Beginn der Ring-Tetralogie neue Maßstäbe im Horror-Film. Eine wahre Welle des Japan-Horrors entwickelte sich und schuf Klassiker wie die beiden Teile von Ju-On, die Filme von Kiyoshi Kurosawa (u.a. Cure, Pulse) und Uzumaki. Die Bedrohung geht dabei nicht von psychopathischen Slashern oder grässlichen Monstern aus, sondern ist übernatürlicher Natur – Geister, Flüche oder gar abstrakte Phänomene wie die Spirale in Uzumaki – z.T. vermittelt durch technologische Medien wie Videobänder, Handys oder Internetseiten. Grausamkeit und Bluteffekte treten in diesen Filmen in den Hintergrund. Der Schrecken entsteht aus dem nicht Greif- und Begreifbaren, und rührt an die Urängste des Menschen – reinster Psycho-Horror! So erfolgreich war und ist das japanische Grauen, dass es in aller Welt Nachahmer fand – von der koreanischen Ring-Variante über Rip-Offs wie Fear Dot Com und Parodien (Scream 3 und 4) bis hin zu unzähligen amerikanischen Remakes (Ring, The Grudge, Pulse, Dark Water).
Es bleibt natürlich nicht aus, dass eine solche Bewegung früher oder später neue Konventionen oder gar Klischees schafft. Blasse Frauen, deren lange schwarze Haare ihr Gesicht verdecken, die sich mit ruckartigen Bewegungen langsam ihrem schreckerstarrten Opfer nähern, gehören inzwischen zum Standard. Doch glücklicherweise gibt es immer wieder Filme, die das Althergebrachte transzendieren – so wie Nightmare Detective. In der Anfangsszene betritt ein Mann seine Wohnung, setzt sich und beginnt, zu Abend zu essen. In einer schlecht beleuchteten Ecke hinter ihm kann man lange schwarze Haare erkennen. Da schiebt sich plötzlich eine fast weiße Hand unter einer am Boden liegenden Decke hervor. Eine finstere Gestalt richtet sich hinter dem Mann auf… Doch wer glaubt zu wissen, was als nächstes passiert, wird wahlweise enttäuscht oder überrascht. Regisseur Tsukamoto Shinya kennt die Erwartungen eines J-Horror-erprobten Publikums und versteht es hervorragend, diese zu unterlaufen.
Die junge Ermittlerin Keiko und ihr Kollege Wakamiya sehen sich mit einem mysteriösen Fall konfrontiert. Menschen begehen im Schlaf Selbstmord, nachdem sie alle mit einer Person namens "Null" telefoniert haben, und vereinbart haben, mit ihr zusammen zu sterben. Dabei gehen sie recht martialisch vor. Als Keikos Vorgesetzter die erste blutüberströmte Leiche sieht, meint er lakonisch: "Die jungen Leute heutzutage. Können die sich nicht diskreter umbringen?" Darüber hinaus geben die Aufzeichnungen der letzten Telefonate der Opfer Rätsel auf: Im Hintergrund hört man Kinderstimmen, die um Hilfe rufen. Der Frequenzanalyse der Stimmen nach handelt es sich aber um die Stimmen der Opfer selbst. Die Ermittler bitten den Alptraumdetektiv Kagenuma um Hilfe, einen traumatisierten jungen Mann mit der Fähigkeit, sich in die Träume anderer Menschen einzuschalten. Der Verdacht liegt nahe, dass "Null" etwas mit den mysteriösen Todesfällen zu tun hat. Als Wakamiya diesen anruft, geraten die drei in eine tödliche Gefahr, die beginnt, sie in ihren Träumen heimzusuchen.
Was auf den ersten Blick wie eine asiatische Version wie Nightmare On Elm Street wirkt, ist ein innovativer, atmosphärischer Horror-Film. In kalten, klaren Bildern erzählt der Regisseur eine Geschichte über die Verletzlichkeit der menschlichen Seele, die Verzweiflung in der unpersönlichen modernen Gesellschaft und das klassische japanische Thema Selbstmord. Ein schöner Kontrast entsteht zwischen einer sehr ruhigen, fast statischen Darstellungsweise und der hektischen Kameraführung in Situationen der emotionalen Erregung und Bedrohung. Trotz der teilweise recht drastischen Gewaltdarstellung erzeugt der Film seine Spannung überwiegend durch Andeutungen – nach der altbewährten Formel, dass das, was man nicht genau erkennen, sondern eher erahnen kann, in der Fantasie des Zuschauers sehr effektives Grauen entstehen lässt.
Nightmare Detective ist visuell ansprechend, beängstigend und treibt ein surreal angehauchtes Wechselspiel zwischen Alptraum und Realität. Rundherum also ein empfehlendwerter Horrorfilm, ein Leckerbissen für Freunde des Nippon-Gruselns und solche, die es werden wollen.