Sweeny Todd


Hans Liebert

Das Erstaunlichste an Sweeny Todd, dem "Demon Barber of Fleet Street", ist wohl die Tatsache, dass diese widersprüchliche Mischung aus morbider, bluttriefener Geschichte, gruftigem Ambiente und lupenreinem Musical nicht im wirren Hirn von Tim Burton entstand, sondern ein erfolgreiches Broadway-Musical ist. Die USA, das Land der unbegrenzten Merkwürdigkeiten. Übrigens geistert die Geschichte vom mordenden Barbier schon seit langem durch den englischen Sprachraum – die erste von vielen Verfilmungen stammt aus dem Jahre 1926. Auf jeden Fall hat Burton, von dem man derart Skurriles ja geradezu erwartet, einen wunderbaren Film aus diesem Stoff gemacht – bis dato auch seinen blutrünstigsten.
Wer mich kennt, weiß, dass ich dies nicht als Manko betrachte. Und darüber hinaus bedingt das Thema einfach ein gewisses Maß an Gewalt – denn Sweeny Todd ist eine klassische Rachegeschichte. Im London des 19. Jahrhunderts missbraucht der Richter Turpin (Alan Rickman) seine Macht, um sich die Frau eines anderen anzueignen, indem er ihn unter falschen Anschuldigungen verurteilt und in eine Strafkolonie verschiffen lässt. Der damals naive Barbier (Johnny Depp) kommt nun nach fünfzehn Jahren verbittert zurück und erfährt vom Tod seiner Frau. Fortan nennt er sich Sweeny Todd und lebt nur noch, um sich an Turpin zu rächen. Als Werkzeuge seiner Vergeltung sollen ihm die Instrumente seiner Zunft dienen – Rasiermesser. Seine ehemalige Nachbarin Mrs. Lovett (Helena Bonham Carter), die die schlechtesten "Meat Pies" von London backt, steht ihm dabei unterstützend zur Seite.
Der erste Mord geschieht nur, um Todds Enttarnung zu verhindern. Nachdem der Richter ihm entkommt, obwohl Todd bereits die Klinge an dessen Kehle hatte, weitet der diabolische Barbier seinen Hass auf ganz London aus. Er will sich an der ganzen Stadt rächen, die für ihn ein schwarzes Loch voller Ungeziefer darstellt – jeder hat es verdient zu sterben. Und dabei nimmt Sweeny Todd noch nicht einmal sich selbst aus. Jeder, der auf seinem Barbierstuhl Platz nimmt, endet mit durchschnittener Kehle, und wird durch eine Falltür in den Keller des Hauses bugsiert. Derweil zieht Mrs. Lovett mit dem Fleisch der Opfer ihr Geschäft ganz groß auf – nun sind ihre Fleischpasteten die besten der Stadt und der Laden floriert.
Doch Sweeny Todd verliert sein oberstes Ziel natürlich nicht aus den Augen. Erschwert wird die Rache an Turpin dadurch, dass dieser Todds Tochter in seiner Gewalt hat. Er hatte sich damals als ihr Vormund eingesetzt und beabsichtigt nun, die junge Frau zur Heirat zu zwingen. Um ihren Willen zu brechen, quartiert er sie kurzerhand in einem Irrenhaus ein. Doch ein junger Seemann, den Todd auf seiner Rückfahrt nach London kennen gelernt hat, ist in Johanna verliebt und beabsichtigt, sie zu befreien...
Tim Burton bleibt seiner Vorliebe für das Morbide und Düstere treu, die er schon eindrucksvoll in Filmen wie Beetlejuice, Batman, Batman Returns, Nightmare Before Christmas, The Corpse Bride und Sleepy Hollow unter Beweis gestellt hat. Glücklicherweise wiederholt sich der Regisseur dabei nicht, sondern es gelingt ihm, in jedem Film einen ganz eigenen Stil zu finden – wenn auch ein Aspekt gleich bleibt: Immer wird das Unheimliche durch schwarzen Humor gebrochen. In Sweeny Todd ist dieser wirklich sehr schwarz. Er drückt sich in einigen der Songs aus, so z.B. in einem Duett zwischen Todd und Mrs. Lovett, in dem es darum geht, welche Mitmenschen sich wohl am besten zu Fleischpastete verarbeiten lassen ("Have a little priest…"). Aber auch in der Szene, in der der Richter einem Angeklagten vorhält, er sei ein notorischer Wiederholungstäter, und ihn deshalb zum Tode verurteilt, bleibt dem Zuschauer fast das Lachen im Halse stecken. Nach dem Urteilsspruch schwenkt die Kamera auf den Delinquenten – und zeigt einen Jungen von vielleicht acht Jahren.
Burton zeichnet sein London des 19. Jahrhunderts in düsteren Farben – Schattierungen von schwarz, weiß und blau dominieren. Es ist eine trostlose Welt, voller Schmutz, Elend und Verfall – außen wie innen, denn auch die Korruption und die soziale Ungerechtigkeit sind allgegenwärtig. Die Atmosphäre ist so dicht, dass man sie greifen kann. Dazu tragen auch die Kostüme, das Make-up und die Bauten bei. Alles ist bis ins Detail liebevoll designt. Leider gibt es im Deutschen für den Look des Films keinen geeigneten Ausdruck. Im Englischen heißt er schlicht: Gothic. Ein Rezensent schrieb einmal, Tim Burtons Filme würden aussehen, als würde er sie nur an Halloween drehen. Der düster-romantische Stil wird nur einmal gebrochen, in einer geradezu surreal anmutenden Szene, in der die beiden schwarz-weißen Figuren der Protagonisten auf einer sonnenüberfluteten, farbenstrotzenden Sommerwiese bei einem Picknick sitzen. Die Szene geht über in eine Fantasiesequenz, in der sich Mrs. Lovett das gemeinsame Leben mit Todd ausmalt – während sie selbst immer bunter wird, bleibt er der einzige dunkle Fleck in diesem lichten Traum. Der Kontrast zur konstanten Düsternis von Sweeny Todd ist brüllend komisch – man stelle sich den Dämonenbarbier im Badeanzug am Strand vor, mit mordlüsterner Miene vor sich hin brütend, während eine glückliche Mrs. Lovett ihn anhimmelt und die liebe Sonne über allem scheint...
Grufties werden Sweeny Todd auf jeden Fall lieben. Wo sonst könnten sie Protagonisten finden, die exakt ihrem Schönheitsideal entsprechen? Sweeny Todd und Mrs. Lovett sind fast weiß geschminkt, ihre Augen schwarz umrandet. Die schwarzen, wirren Haare werden nur in Todds Fall von einer einzelnen weißen Strähne unterbrochen (was die Düsternis aber noch unterstreicht) und ihre Kleidung ist selbstredend ebenfalls schwarz, wieder bei Todd kombiniert mit ein wenig weiß. Dabei wirkt das extreme Äußere nicht aufgesetzt. Es fügt sich nahtlos in das Konzept des Musicals, in dem innere Vorgänge und Zustände durch Äußeres verdeutlicht werden – denn die Songs drücken ja die Gedanken, Gefühle und Einstellungen der Protagonisten aus. Helena Bonham Carter wirkt mit ihren 42 Jahren sehr sexy in diesem Schmuddel-Look, und Johnny Depp ist so böse und dämonisch wie nie zuvor. Vor allem: Immer wenn man denkt, er hätte seinen Zenit erreicht (z.B. als Captain Jack Sparrow in den Fluch der Karibik-Filmen), gelingt es Depp, neue Maßstäbe der Coolness zu setzen!
Auch schauspielerisch bleiben keine Wünsche offen. Das Ensemble ist samt und sonders ausgezeichnet und bewältigt auch die Gesangspassagen ohne Schwierigkeiten. Johnny Depp verkörpert den Zynismus, den Zorn und die Menschenfeindlichkeit seiner Figur völlig überzeugend. Helena Bonham Carter (Fight Club, Stimme in Corpse Bride und Wallace & Gromit, Charlie und die Schokoladenfabrik, Bellatrix Lestrange in Harry Potter) wandelt erfolgreich auf einem schmalen Grat zwischen Abgeklärtheit, lakonischem Witz und sporadisch auftretenden Einsprengseln von Zweifel und Menschlichkeit. Alan Rickman (Das Parfum, Professor Snape in Harry Potter, Dogma, Galaxy Quest, Die Hard) ist in seinem Element als Bosheit in Person – auch wenn dieser hervorragende Schauspieler mit Sicherheit mehr zu bieten hätte, es ist eine reine Wonne, die mit Mühe zurückgehaltene, zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorquellende Bedrohung zu spüren, die von seiner Figur ausgeht. Timothy Spall (Last Samurai, Lemony Snicket’s Rätselhafte Ereignisse, Peter Pettigrew in Harry Potter) ist köstlich als Scherge des Richters – ein speichelleckender Brutalo, die Verkörperung des Prinzips "nach oben buckeln und nach unten treten", die Widerwärtigkeit in Person. In einer kurzen, aber sehr unterhaltsamen Rolle ist Sacha Baron Cohen (Borat, Ali G, Stimme in Madagascar) zu sehen. Er spielt den Quacksalber und Jahrmarktbarbier Pirelli mit wunderbar theatralischen Gesten und überzogem italienischem Akzent. Jamie Campbell Bower ist überzeugend als naiver junger Seemann Anthony, der noch an das Gute glaubt und an die Allmacht der Liebe. Lediglich Jayne Wisener bleibt etwas farblos als Todds Tochter Johanna. Allerdings bietet ihre kleine Rolle auch nicht viel Gelegenheit, schauspielerisches Können zu zeigen. Zumindest ihre Gesangseinlage ist sehr beeindruckend.
Bleibt die Frage nach der Botschaft. Das Thema Rache ist naturgemäß eine zweischneidige Rasierklinge. Ist Rache gerechtfertigt, und wenn ja, unter welchen Umständen? Wird Gewalt in diesem Zusammenhang glorifiziert, oder wird zu sehr moralisiert? Tim Burton gelingt es, die richtige Aussage ohne den berühmten erhobenen Zeigefinger zu treffen. Dass sich Rache nicht auszahlt, wird durch die Handlung klar, ohne es dem Zuschauer zu sehr ins Gesicht zu reiben. Sweeny Todd bekommt seine Vergeltung, aber zu einem hohen Preis: Unwissentlich tötet er einen Menschen, der ihm sehr am Herzen liegt, und fast hätte er auch seine eigene Tochter getötet, die er nicht erkennt. Auf dieselbe Weise wird verdeutlicht, dass Gewalt wiederum Gewalt nach sich zieht. Als Todd erkennt, dass Mrs. Lovett ihn belogen hat, bringt er auch sie um. Schließlich wird er selbst getötet, von einem Straßenjungen, den seine Mitwisserin aufgenommen hatte.
Auch wenn zynischere Zeitgenossen vielleicht dazu tendieren, Todd und Mrs. Lovett Recht zu geben, wenn sie feststellen, dass jeder Dreck am Stecken hat, und dass es in dieser "Fressen oder gefressen werden"-Welt nur adäquat ist, den Leuten ihre Mitmenschen als Fleischpastete zu verfüttern, kommt man doch an einer Tatsache nicht vorbei. Nämlich, dass die Misanthropie der beiden Protagonisten ihr Spiegelbild in der Einstellung des verachtenswerten Richters findet, in dessen Augen ebenfalls jeder schuldig ist. Mit anderen Worten: Wenn man den Richter hasst, kann man nicht gleichzeitig Sweeny Todd Recht geben, denn beide sind im Grunde genommen gleich.
Während Burton diese menschenfeindliche Prämisse ad absurdum führt, zeigt er gleichzeitig den Ausweg auf – denn die Kinder sind unschuldig. Sowohl Anthony, Johanna als auch der Straßenjunge Toby sind ohne Schuld und böse Absichten. Zwar tötet Toby den Barbier am Ende, doch kann dies nicht als Tat aus niederen Motiven gewertet werden. Denn dem Jungen ist klar, dass Todd viele Menschen ermordet hat und auch damit fortfahren wird, dass er auch ihn töten wird, sollte er seiner habhaft werden – und nicht zuletzt hat ihm Todd die Frau genommen, die er gerade erst begann als Mutter zu betrachten (hier scheint freilich noch einmal kurz das Rache-Motiv auf). Nichtsdestotrotz sind die Kinder bzw. Jugendlichen im Kontext der Geschichte rein – was schon allein durch die Tatsache symbolisiert wird, dass sie als einzige das Blutbad überleben. Die Konsequenz daraus lautet, dass der Mensch nicht von Natur aus schlecht ist, denn er startet sein Leben als etwas Unschuldiges. Wenn wir also die Gesellschaft so verändern können, dass sie fortan nicht mehr unschuldige Kinder zu bösartigen und korrupten Erwachsenen macht, dann gibt es noch Hoffnung für die Menschheit. Und diese Veränderung kann letztlich jeder einzelne in seinem eigenen kleinen Rahmen bewerkstelligen, indem er für seine eigenen Kinder die Voraussetzungen schafft, um unverdorben aufwachsen zu können.
Das Fazit: Sweeny Todd ist ein Muss! Mit zwei Ausnahmen. Auch wenn sich der Film in die Gruppe der eher ungewöhnlichen und skurrilen Musical-Filme einreiht (wie etwa Moulin Rouge, Nightmare Before Christmas oder der South Park-Film), so bleibt er doch immer noch ein Musical! Wer also jedes Mal Pickel kriegt, wenn im Kino die Musik anschwillt und die Schauspieler ansetzen zu singen, sollte wohl besser die Finger davon lassen. Zum zweiten ist er auch nichts für die allzu Zartbesaiteten – auch wenn die Gewalt nicht im Vordergrund steht, so sollte man doch in der Lage sein, den Anblick aus aufgeschlitzten Kehlen spritzenden Blutes ertragen zu können. Wer beide Voraussetzungen erfüllt, wird sich bei Sweeny Todd köstlich amüsieren. Ein wundervoller Reigen aus düsterer Atmosphäre, brillanter Optik, hervorragenden Schauspielern, mitreißenden Songs und abgrundtief bösem Humor erwartet euch – alles verpackt in die besten Fleischpasteten Londons.


Bon appιtit!