Und es begab sich, daß zur dunklen Winterzeit ein Aufruf ging an alle, die da speisen wollten. Verkündet wurde durch magische und papierne Boten, daß die Speisen eingenommen werden sollten bei Wein, Weib und Gesang, und würden denn dreimal fünf Hände an Leute daran teilhaben, oder gar das Doppelte dieser Zahl, dann wäre der Wirt bereit, eine solch festliche Tafel zu decken. Und siehe da, es strömten die Gäste herbei, Männer und Frauen des Ordens von ANDERWELT, aber auch Gesandte aus andern Gefilden fanden sich ein in der Gasttstätte zu Gelnhausen. Dank kundiger Wegweiser fanden alle den Weg ohne große Fährnisse, obwohl die edlen Rösser die engen Gassen der Gemeinde scheuten, überdies war der Stall der Herberge belegt, und so mußten für diesen Abend freie Wiesen genug sein. Wahrlich, von weit her mußten sie alle gereist sein, denn eine holde Maid war in Begleitung eines sarazenischen Edlen erschienen, eine andere - denkwürdige Zeiten - erschien gar in Manneskluft wie ihr Begleiter. Unter den illustren Gästen befand sich auch Herzogin Nicolaia Genofeva von Eckes, die in Begleitung ihres Kanzlers Gérard und eines Gelerten aus Hagenove angereist war. Sie begrüßten das Häuflein bereits anwesender Gemeinen, die nur teilweise in festlicher Gewandung erschienen war, denn einige von ihnen trugen noch sehr einfache Reisekleider. Würdevoll nahm sie am Ende der größeren Tafel Platz und wies den Gelehrten an, an der Kopfseite den Vorsitz der Tafel zu übernehmen.
Ein denkwürdiger Prinz mit luftigem Gewand und einem mächtigem aber doch recht rostgeplagten Schwert kam zu spät, um ein gleiches zu tun, er mußte sich mit einem Platz in der Mitte der Tafel begnügen, trug's jedoch mit Fassung, zumal er von dort aus eine gute Sicht auf den gesamten Raum hatte, ebenso ins Hinterzimmer, woher alsbald die Mägde kamen, um vollmundigen Trunk zu kredenzen. Mit den Mägden kamen die Spielleute, allen voran ihr gewitztes Oberhaupt, genannt Reinecke, welchselbige vom Wirte die Order erhalten hatten, die Tafelsitten für diesen Abend zu verkünden. Es galt, mit geschlossenem Munde zu kauen und nicht mit vollem Munde zu sprechen, auch das Schneuzen ins Tischtuch sei zu unterlassen. Zu den Trünken sei auf das Wohl des seligen Kaisers Barbarossa anzustoßen. Wohlan denn, so wurde mit dem Waschen der Hände, welches der Gelehrte stellvertretend für alle vollzog, die Tafel eröffnet. Schon die erste Speise, von den Spielleuten angemessen ausgerufen, wurde mit gefälliger Musik begleitet. Zwischen den Gängen wurde immer wieder allerlei kurzweilige Geschichten dargeboten, für den Augenschmaus war angesichts der holden Maiden ebenfalls gesorgt. Unter ihnen weilte, Verfall der Sitten, auch ein sogenanntes Freies Weib, eine Hübschnerin, und diese zog durchaus die Blicke der Mannsbilder auf sich. Immerhin wußte das Frauenzimmer sich halbwegs zu betragen und unterließ es, die Herren offen zu beturteln. Nicht unterließ sie es, anzügliche Scherze zu machen, während sie die Gesellschaft mit denkwürdigen Erzählungen über allerlei Gewürze erbaute, die sie zur besseren Untermalung des Gesagten in die Runde zeigte.
Wer hätte denn auch gedacht, zu welchem Nutzen unser gutes Petroselinum im Garten noch dienen könnte! Der Prinz fand denn solcherlei Beistand wohl vonnöten, denn er verlangte, sehr zur Erheiterung der Anwesenden, auch gleich nach einem ordentlichen Quantum dieses Krauts, und die schamlose Maid hieß ihn mit einem aufreizenen Hüftschwung, das ganzen Bündel von ihrem Gürtel zu pflücken, was selbst der gestrengen Herzogin eine fröhliche Miene auf das Gesicht malte. Noch erheiternder fand sie, als ihr edler Kanzler, Großmeister vom Orden ANDERWELT, vor aller Augen mit Kettenrüstung, Harnisch und ritterlichen Handschuhen bekleidet wurde, und Reinecke Fuchs angesichts des Kanzlers Statur gar vermeinte, dieser könne doch nun endlich die Luft aus seinem Brustkorbe entlassen. Zum Abschluß der Einkleidung wurde der Kanzler unter großem Handgeklapper zum Ritter Gérard geschlagen, so sollte es dann an diesem Abend außer Edlen auch noch einen echten Rittersmann geben.
Zum Speisen war die Rüstung jedoch denkbar unpassend, zumal es ohnehin nicht schicklich war, mit einem Schwert zu Tisch zu sitzen, also galt es, den werten Ritter wiederum von allzuviel Metall zu befreien, in welchem Fall er die Wahl hatte, ob er dies wie eben geschehen vor aller Augen vollziehen mochte, oder ob es im Hinterzimmer bei den Maiden zu geschehen sollte. Der zum Ritter geschlagene Kanzler entschied sich, wer würde es ihm verdenken, für das Letztere. Ob dies der Herzogin zu wohlgefallen war, konnte der Gelehrte nicht recht ermitteln, wohl aber, daß dem Prinzen trotz allem Bemühn diesmal ein Blick in die benachbarte Räumlichkeit verwehrt blieb, wenngleich er ansonsten, wie bereits berichtet, einen guten Aussichtsposten hatte. Sei's drum, der Abend nahm seinen fröhlichen Lauf, die Speisen mundeten gar sehr, und niemand stund hungrig oder gar unmutsvoll vom Tische auf. Als die Spielleute sich schließlich unter weiterem ausgiebigen Handgeklapper zum Verzehren der Essensreste in die Küche zurückzogen, wie es sich für ihresgleichen geziemt, wurden noch die letzten Becher oder Hörner geleert. Zu mitternächtlicher Stunde erhoben sich nach und nach alle Geladenen, auf eigenen Beinen wohlgemerkt, vielleicht wohl auch unterstützt von einem Gast, der noch etwas besser zu Fuße war, und machten sich durch Dunst und Dunkelheit auf den Weg zu ihren Gefährten, leicht fröstelnd, aber mit warmem Bauch und zufriedener Miene.
Der Chronist des Ordens von ANDERWELT grüßet hiermit alle, auch diejenigen, die nicht zugegen waren, und verbleibet mit den Worten: Wohlbesorgt ist dieses nun, doch wir werden's wieder tun!