von Martin Ruth
Lysera war müde als sie landete. Er hatte ihr die heiligen Kräfte genommenen,
hatte sie ohne Erklärung verbannt. Nur der für sie heilige Zorn hielt sie noch
aufrecht. Der Flug hinunter war lang gewesen und ihre Flügel schienen durch
den Verlust ihrer Kräfte auch geschwächt worden zu sein. Nun hatte sie die Erde
erreicht, man hätte sie auch gleich in die Hölle senden können.
Was unterschied sie jetzt noch von einem Menschen? Nur ihre Flügel, und selbst
diese werden wahrscheinlich immer mehr einschrumpfen, selbst jetzt konnten sie
sie nicht mehr tragen. Sie würde vermutlich auch alt werden und sterben.
Aber zur Zeit sah sie noch Jung und Schön aus. Sicher würden das auch die Männer
bemerken, ihr rotes Haar, ihre blauen Augen und ihre üppigen Formen. Sie würden
sie zur Unzucht zwingen, ihren Leib begehren und sich um sie streiten.
Ihr Zorn verstärkte sich noch mehr.
Da erschien auch schon der erste Mann und wurde auf sie aufmerksam, kein Wunder
mit ihren Flügeln. Er kam auf sie zugeeilt und sprach sie direkt an: "Hallo
Engel, ....mein Name ist Dawen. Du siehst müde aus und hungrig. Du hast einen
weiten Weg hinter dir. Ja, du mußt essen, du wirst dich schon an das Fleisch
toter Tiere und das Brot gebrochener Ähren gewöhnen".
Auf einmal fühlte sie sich noch schwächer. Zuerst hatte sie erwartet das er
ehrfürchtig vor ihr niederknien würde. Danach hatte sie geglaubt, er würde sich
Sexbesessen auf sie stürzen und war mehrere Schritte zurückgetaumelt.
Doch er hatte sie angesprochen als gäbe es weder ihre Flügel noch ihre weibliche Schönheit.
Lysera war vollkommen eingeschüchtert, aber nach ein paar weiteren,
aufmunternden Worten begriff sie das es das Beste blieb mit ihm zugehen.
Als sie das nahe Dorf erreichten verkündete Dawen lautstark ihre Ankunft: "Sehet
was der Herr uns gesendet hat. Er schickt uns einen Engel." Die Dorfbewohner
sammelten sich rasch, liessen ihre Arbeit einfach fallen. Sie bestaunten das
fremde Wesen ehrfürchtig und konnten keine Worte finden. Dawen sprach weiter:
"Sie soll bei mir wohnen den ich fand sie und bin ein Fremder wie sie.
Nun bereut ihr es wohl nicht mehr, mich letzten Monat aufgenommen zu haben."
So geschah es und immer mehr wurde der Engel zu einem normalen Anblick.
Doch immer noch war eine Distanz zwischen Lysera und den Dörflern, mit einer
Ausnahme: Dawen Er behandelte sie mit einer unnatürlichen Vertrautheit, aber
scheute keine Mühe sie zufrieden zu stellen. Die Engelin erlernte Vielerlei,
das meiste ging ihr schnell von der Hand. Aber Einiges wollte ihr nicht auf
Anhieb gelingen so warf sie es wütend fort und rührte es nie wieder an.
Dawen nahm ihr alle schwere körperliche Arbeit ab, und ertrug ihre Wutanfälle
mit größter Geduld.
Doch schließlich kam ein schicksalsreicher Tag, es waren kaum 3 Wochen seit Lyseras Ankunft vergangen. Just an diesem Tag wurde Gorgel, ein als Schreihals bekannter Junge, von seinen Kameraden zu einer Mutprobe angestiftet. Er sollte eine Feder der Engelin aus Dawens Hütte holen. Natürlich hatte Gorgel Angst und deshalb eine Hühnerfeder besorgt, doch Smull hatte auch daran gedacht und Gorgel durchsucht. Nun gab es für Gorgel kein Zurück mehr.
Die Kinder wußten das die Engelin sich des Nachmittages ein wenig ausruhte, so nutzte Gorgel diese Zeit und schlich sich in die Hütte. Lysera schlief, aber der Junge konnte keine ausgefallene Feder finden und zurück ohne eine solche Feder konnte er auch nicht. Kurz entschlossen schätzte er seinen Flucht weg ab und riß der schlafenden Engelin eine ihrer Federn aus. Sofort schrie Lysera und sprang auf. Der erschreckte Junge war zu keiner Bewegung mehr fähig. Turmhoch ragte die Engelin vor ihm auf.
Ohne zu überlegen schlug Lysera zu, alle Kraft war in diesem Schlag gebunden und noch mehr. Gorgel wurde von den Füßen gerissen und flog gegen die hölzerne Wand der Hütte. Die Engelin kam mit glühender Wut auf ihn zu und ihr Anblick war wie ein weiterer Schlag für Gorgel, ein wahrer Racheengel. Hätte nicht der schlaue Smull aus Rache, wegen der Hühnerfeder, die Aufgabe erschwert indem er Dawen in die Hütte gelockt hatte, wäre Gorgel von Lysera erschlagen worden. So aber traf Dawen noch rechtzeitig ein und hielt die Engelin von einem 2. Schlag ab. Endlich erholte sich auch Gorgel und raste auf allen 4 Gliedern aus der Hütte, hinter ihm schwebte eine Feder langsam zu Boden. "Lass mich los" schrie Lysera und wand sich in Dawens Griff. "Du hättest ihn beinahe erschlagen, rechtfertigt sich Dawen. Dann sprach er in einem anderen Ton weiter: "Ich hätte es wissen müßen, schon als ich dich fand. Es konnte nicht gut gehen. Ich kann dich nicht ändern."
"Von was redest du?"
"Von uns. Ich kann nicht mit Worten umgehen wie dein Herr, ich zeige dir
lieber was ich meine, und lasse dich nicht ohne Beweis glauben."
Lysera war es als ob ihr Blick verschleiert würde, dann veränderte sich Dawens
Gestallt vor ihren Augen. Plötzlich stand ein anderer Dawen vor ihr: 3 Meter
groß, mit tierhaften Gesichtszügen und geschwärzter Haut. Nervös zuckende Lederflügel
wedelten ihr Luft zu, er war einer der Anderen, er war ein Feind, die heilige
Wut wurde stärker.
"Selbst dein Herr unterwirft sich dem Gesetz des Gleichgewichtes, nur deshalb gibt es uns noch. Deshalb gibt es auch keinen direkten, offenen Krieg zwischen uns. Jedesmal wenn ein Engel stirbt, stirbt auch einer von uns und umgekehrt. Als ich die Hölle verließ verfluchte ich dich damit. Ja ich bin an allem Schuld, aber ich hielt es dort nicht mehr aus. Ich habe die Seele eines Engels, so wie du die meine hast. Er nahm dir deine Kräfte damit du kein Unheil sähen kannst und damit ich auf dich aufpassen kann. Er tat mir das Schlimmste an, das er tun konnte, er ließ mich sehen was ich bewirkt habe. Nun weiß ich daß ich dich nicht ändern kann. Ich kann nur eines tun und das obwohl oder gerade weil ich dich liebe."
Lysera hörte die Worte, aber der Sinn blieb ihr wie durch einen Schleier nicht begreiflich, sie sah nur den Feind und der Feind gab zu an allem Schuld zu sein. Er lachte über sie, nun wurde sie wirklich zum Racheengel, da war nur noch die heilige Wut in ihr. Sie wollte ihm ihren Haß entgegenschleudern, einfach nur Haß. Ihr Körper spannte sich, nun wollte er sie sicher töten. Lysera sprang zum größten Küchenmesser und sofort zurück auf ihn zu.Doch Dawen hatte Flammen um seinen Leib gelegt und sie wagte nicht zuzustechen. Die Flammen zerfraßen aber Dawens Leib, ihre Anwesenheit beraubte ihm die Kontrolle dachte sie. Bevor er sich auflöste, vieleicht auf diese weise floh, wollte Lysera zumindest einen Streich führen und stach zu. Dawens Fleisch bot ihrem Messer keinen Widerstand und ihrem Arm auch nicht. Schmerzerfüllt zog die Engelin ihren brennenden Arm zurück und versuchte die Flamme zu ersticken. Sie förderte aber nur den Ablauf und schon waren die Flammen um ihren ganzen Leib. Dawen sprach bei diesem Anblick seine letzten Worte: "Oh Gott, lasse mich sterben damit sie erlöst ist!"
Als die Dorfbewohner sich getrauten nachzusehen was aus den Beiden geworden
war, fanden sie nur schwarze und weiße Asche und eine weiße Feder.