| Rezension zu "Azrael" |
Ylva Spörle
Ehrlich
gesagt, ich war noch nie ein Fan von Hohlbein. Also habe ich auch von "Azrael"
nichts besonderes erwartet - und ich wurde enttäuscht.
Das Buch ist was besonderes, es ist nämlich besonders schlecht. Die Story ist
bis zur Mitte des Buchs die reinste Räuberpistole, die Dialoge sind in bester
Jerry Cotton Manier, die Protagonisten sind keine Persönlichkeiten, sondern
Abziehbilder. Entsprechend heißen die Personen, nicht Klaus, Christoph oder
Cornelia, sondern Bremer, Löbach, Hansen, was nicht gerade zum Einfühlen in
die Charaktere beiträgt. Die drei Vornamen, die in dem Buch auftauchen, bezeichnen
Jugendliche oder zumindest sehr junge Erwachsene.
Die Hauptfigur namens Bremer, ein Polizeibeamter, agiert mal dümmlich, mal energisch,
je nachdem wie der Autor es wohl gerade gebraucht hat. Mag ja sein, daß ein
einfacher Streifenbeamter zunächst aus der Fassung gerät, wenn er es mit "hohen
Tieren" zu tun hat. Aber wird er sich deswegen derart treiben lassen? Ständig
befragt er wie ein kleines Kind seinen Vorgesetzten, der ihm aber keine ausreichenden
Antworten gibt; sobald er jedoch alleine ist, scheint er sehr wohl zu einem
gewissen selbständigen Nachdenken in der Lage zu sein. Die Fragen, die er stellt,
sind denn auch mehr für die Leser gedacht.
Die Story ist unausgegoren und schwankt zwischen Kriminalgeschichte und Mystery-Thriller,
die Spannungeselemente wirken auf mich nicht spannend, sondern wie billige Effekthascherei.
Falls der Autor den Roman möglichst amerikanisch wirken lassen wollte (so wie
seinerzeit die Verfilmung der "Unendlichen Geschichte" mit Blick auf den US-Markt
verhunzt wurde), dann ist ihm dies hervorragend gelungen: Daß die Geschichte
in Berlin spielt, kommt überhaupt nicht zur Geltung, die Stadt wirkt eher wie
eine schlecht skizzierte New Yorker Kulisse. Da macht die Tatsache, daß die
Protagonisten deutsche Namen tragen, den Kohl auch nicht mehr fett.
Was den Plot angeht, gab es da einige Ungereimtheiten. Wieso verändert eine
halluzinogene Droge das Erbgut? Und nicht einfach so, daß sie z.B. krebserregend
wirkt, oder Ergbutschädigungen der Nachkommen auslöst (was sich aber, nebenbei
gesagt, erst dann bemerkbar machte, wenn die "Testkinder" selbst Kinder bekämen).
Nein, vielmehr verändern sich die Testpersonen selbst und erzeugen eine kollektive
Halluzination. Wie bitte? Alles Psi oder was? Aber nein, dieser Drogenwahn wird
übertragbar wie ein Virus, und zwar durch das Blut der bereits Infizierten.
Da sträuben sich mir die Haare.
Was in mir wirklich Gruseln hervorrief, war der Schluß. Schon der Showdown nervte:
Das "Böse" in Gestalt des außer Kontrolle geratenen Jungen Mark wird erledigt
wie in einem Western, durch eine wilde Ballerei. Aber es kommt noch besser.
Der Agent, der die vielen Maschinengewehrsalven am Ende überlebt, wird über
und über mit Blut besudelt. Der Überlebende ist ausgerechnet eine Person, die
etliche Seiten zuvor als "Psychopath" klassifiziert wurde.
Das bedeutet mit anderen Worten: Dieses war der erste Streich, doch der zweite
folgt... Hoffentlich nicht!